Der Bengel und die Bibel

Oliver Rustemeyer

Seit Ewigkeiten wird das Buch der Bücher gelesen. Aber noch nie so: Ben Becker (43) hat aus der Bibel eine Show gemacht. Fast drei Stunden lang trägt der Schauspieler vor – samt Band, Gospelchor, dem Filmorchester. freizeit sprach mit dem Berliner.

Herr Becker, wie kam's zu diesem Showkonzept?

Becker: Ich hab vor etwa acht Jahren „He's Alive“ von Dolly Parton gehört. Ein Song über die Auferstehung. Der hat mich umgehauen. Ich dachte nur: Den möchte ich irgendwann mal singen und sah mich schon als Dolly verkleidet die Showtreppe herunterkommen. Vor vier Jahren hatte ich dann die Idee, die Bibel zu lesen. Da macht es doch Sinn, „He's Alive“ zum Finale zu singen. Voller Pathos und Kitsch. Großes amerikanisches Kino.

Wann haben Sie die Bibel zum ersten Mal gelesen?

Becker: Das ist gar nicht so lang her. Ich kannte zwar einzelne Fragmente aus dem Religionsunterricht, ernsthaft beschäftigt habe ich mich damit aber erst in den letzten Jahren vor diesem Projekt. Mir gefällt die kraftvolle Sprache – und die Handlung, die bis in die heutige Zeit übertragbar und somit über Jahrtausende aktuell und spannend geblieben ist.

Zum Beispiel?

Becker: Die Liebesgeschichte von Samson und Delila hat mich sehr bewegt. Sie ist in ihn verliebt und verrät ihn trotzdem. Darin steckt eine gewaltige Schönheit und Traurigkeit. Oder der Prophet Jona: Der hat mich in seiner naiven, clownesken Art an mich selbst erinnert. Solche Parallelen möchte ich mit der „gesprochenen Symphonie“ vielen Leuten näher bringen.

Hatte die Kirche keine Einwände zum Showkonzept?

Becker: Na ja, du kannst mit der Bibel nicht machen, was du willst. Du musst dich immer mit der Deutschen Bibelgesellschaft kurzschließen. Zum Beispiel darfst du nicht so einfach innerhalb eines Verses kürzen. Nicht nach dem Komma, sondern nach dem Punkt. Als ich die dann gefragt habe: „Und was ist bei einem Semikolon?”, wussten die auch nicht weiter. Die meinten nur: „Machen Sie mal, Herr Becker!”

Wie viel Schauspiel verträgt die Bibel?

Becker: Egal, ob's die Bibel ist oder Jack London: Du musst bei einer Lesung der Fantasie des Zuhörers Raum lassen. Sonst macht man alles kaputt. Ich kann die Kreuzigung nicht tränenüberströmt vortragen. Das wäre zu viel des Guten.

Aber Sie schlucken, wenn Sie Jesus am Kreuz zitieren: „Mein Gott, Vater! Warum hast Du mich verlassen?!“

Becker: Ich schlucke während der Lesung des Öfteren. Das ist nicht gespielt. Dafür packt mich die Handlung zu sehr.

Uraufführung war im Oktober in Berlin – vor 3000 Zuschauern. Wann wurde Ihnen klar, dass dieses durchaus gewagte Konzept ankommt?

Becker: Während der Aufführung gab's keine Reaktionen. Und nach dem letzten Wort herrschte Stille. Plötzlich standen alle auf – ich dachte schon, die sind empört und gehen. Ich hatte damals ja gerade diese Drogengeschichte hinter mir, war sehr unsicher, wie die Leute auf mich, das Enfant terrible, reagieren würden. Und dann Standing Ovations. Dieser Moment hat mich sehr berührt.

Gab's wirklich keine kritischen Stimmen?

Becker: Der Vorwurf der „Show” kam hier und da. Das kann ich aber nicht nachvollziehen. Amerikanische Messen sind auch alles andere als zurückhaltend. Da zweifelt niemand an der Authentizität. Aber egal, die größte Anerkennung ist für mich das Echo der Kirche: Und ich darf am 22. Mai beim Deutschen Katholikentag in Osnabrück auftreten. Darauf freue ich mich.