„Der Barista geht“ – Eine Kürzestgeschichte

Der Barista beherrscht die Kunst der Kaffee-Zubereitung. Und den Duft gerösteter Bohnen wird er nicht mehr los.
Der Barista beherrscht die Kunst der Kaffee-Zubereitung. Und den Duft gerösteter Bohnen wird er nicht mehr los.
Foto: Portland Press Herald/Getty Images
„Der Barista geht“ von Thomas Mühlfellner ist eine von 55 herausragenden Kürzestgeschichten, die bei unserem Wettbewerb gewonnen haben.

Es ist ziemlich einfach: Mein Zellengenosse hatte das Buch liegen gelassen, also wurde ich Barista. Ich trinke kaum noch Kaffee. Allein der Geruch ist mir zuwider, aber so ist es mit den meisten Jobs: Nach einer Zeit kann man sie nicht mehr riechen. Meine Mutter hätte das nie verstanden. Für sie war das Leben immer eine gerade Linie. Sie wusste schon als Kind, was sie werden wollte. Am Ende wurde sie dann doch Friseuse, aber irgendwie konnte sie sich all die Jahre einreden, dass das nur vorläufig sei, bis sie etwas als Reiseleiterin gefunden hätte. So blieb sie zumindest in Gedanken ihrer geraden Linie treu. Reiseleiterin wurde sie nie. Ich bin nun eben ein Barista. Und ich will im Moment nichts anderes sein. Es hat keinen Sinn sich auszumalen, was alles sein könnte. Irgendwie geht es ja doch immer weiter im Leben. Am besten ist es, wenn man keine großen Gedanken darüber verliert, denn sonst läuft man seinem Leben immer nur hinterher.

Ein paar Mal ging ich mit einer unserer Kellnerinnen aus. Yvonne. Wir schliefen miteinander. In der ersten Nacht zeigte ich ihr den Grund für mein Hinken. Sie schien vom Einschussloch beeindruckt zu sein. In der Bar hielten wir wieder professionelle Distanz. Niemand bemerkte etwas. Ich mag es, wenn es unkompliziert bleibt.

Keinen Ärger mit Yvonne

Vor drei Tagen ließ sie sich nach der Sperrstunde länger Zeit als üblich. Ich reinigte die Maschine, da saß sie vor mir auf einem Barhocker und sah mir zu. Sie wirkte unruhig. Ich fragte sie, was mit ihr sei. Ihr Freund, sagte sie. Ihr Exfreund. Sie schulde ihm noch eine ganze Stange Geld. Nun habe sie Angst vor ihm. Er habe ihr geholfen, als sie in Schwierigkeiten steckte. Jetzt dränge er auf die Rückzahlung, stehe immer wieder am Abend vor ihrer Wohnung, bedrohe sie. Sie schob den Ärmel nach oben und deutete auf einen blauen Fleck. Der stamme von ihm, sagte sie. Er habe sie fest gepackt und geschüttelt. Ob ich ihr helfen könne? Nicht mit Geld, aber einfach einmal mit ihm reden, ihn zur Vernunft bringen. Ich sei schließlich groß und stark, mir würde er zuhören.

Was soll ich sagen? Ich mag es nicht, wenn es kompliziert wird.

Aber ich will auch keinen Ärger mit Yvonne. Sie ist nett, und ich mag die Wärme ihres Körpers. Ich nickte, und sie schrieb die Adresse auf eine Serviette. Dann küsste sie mich. Ich wische das Blut weg, nur um etwas zu tun und meinen Puls zu beruhigen. Es ist sinnlos. Meine Spuren sind überall. Ich bilde mir ein, Kaffee zu riechen, ein Geruch, der vermutlich von mir selbst stammt. Er dringt in alle Poren, dieser Duft von gerösteten Bohnen, man wird ihn nie mehr los. Ich muss mich beeilen, muss hier weg. Unterwegs kann ich überlegen, was aus mir werden kann. Tierpfleger vielleicht? Ja, ich glaube, ich kann gut mit Tieren arbeiten. Auch an den Geruch werde ich mich gewöhnen.

Rasend schnell kompliziert

Noch einmal blicke ich mich im Zimmer um und wundere mich, wie rasend schnell alles kompliziert werden kann. Nur ein Nicken, ein Kuss, ein falsches Wort und ein betrunkener Mann mit einer kurzen Zündschnur und einer Vergangenheit, die ihm ein paar unangebrachte Verhaltensmuster eingebrockt hat. Ich schließe die Tür.

Der Barista geht.

 
 

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