»… dass man nicht immer gleich schon das Ende weiß«

K.WEST

Amsterdam. Ein Besuch in Amsterdam bei Regisseur Ivo van Hove und seiner »toneelgroep«, die Luchino Viscontis »Rocco und seine Brüder« in der Jahrhunderthalle Bochum auf die Bühne bringen.

// Wie ein drohendes Gewicht, das im Fall alles unter sich begraben würde, hängt der Sandsack in die Mitte des Boxringes herab. Flankiert von vier Türmen, bildet er das Bühnenzentrum für ein Drama, in dem der Kampfsport eine Chance zum sozialen Aufstieg bietet und hier doch nur Niederlagen bereitet.

»Rocco und seine Brüder« – Luchino Viscontis Meisterwerk von 1960, an der Schwelle seiner neorealistischen Frühphase aus dem agrarischen und proletarischen Milieu zu den zeremoniösen Untergangs-Melodramen aus der Welt der schönen und reichen Verdammten und Sich-selbst-Überlebten – trifft den Zuschauer wie eine Faust: Es ist einer der ge- waltigsten Klagegesänge und Passionswege des Kinos, von archaischer Wucht, zugleich episches Theater, Tragödie, Grand Opéra und Studie über Klassenverhältnisse, die der Regisseur Ivo van Hove mit dem Soziologen Richard Sennett und dem Philosophen Peter Sloterdijk ausweitet auf den neuen »flexiblen Kapitalismus« und den »Weltinnenraum des Kapitals«.

Migration und Integration

»Ganz überraschend«, sagt van Hove, sei die Wiederbegegnung mit dem Stoff für ihn gewesen und darin »das alte Europa mit seinen neuen Problemen« zu entdecken. Die da heißen Migration und Integration. Und eine Leitlinie im aktuellen Programm der RuhrTriennale ziehen, deren Saison sich dem Motto »Aus der Fremde« unterstellt.

Aus der Fremde kommt die Familie Parondi im winterlichen Mailand an. Mit Sack und Pack haben sie sich von Sizilien aufgemacht in den industrialisierten Norden. Am Bühnenrand in der Halle im Amsterdamer Westen, wo die wichtigste und beste niederländische Compagnie, die europaweit zu Festivals und Gastspielen geladene toneelgroep probt, lagern Koffer, Kisten, Bündel mit dem spärlichen Hab und Gut der Mutter und ihrer Söhne. Fünf Brüder sind es: »wie eine Hand«, zeigt Ivo van Hove, deren Finger sich harmonisch ergänzen sollen. Jeder von ihnen repräsentiert, bei aller Individualität, eine bestimmte Position.

Der unbezähmbare Triebmensch

Rocco, bei Visconti von Alain Delon wie aus Milch und Blut gegossen und in der toneelgroep mit Fedja van Huêt besetzt, ist der komplexeste. Rocco, das Unschuldslamm, der Engel mit den geschlagenen Wunden, opfert sich, sein Glück mit der geläuterten Prostituierten Nadia und diese selbst seinem älteren Bruder Simone, der zunächst zum Box-Champion aufsteigt, gefördert und umworben wird. Ein Triebmensch, ein Winner, talentiert, aber unfähig, sich zu bezähmen. Ein King Kong, der das Zarte so sehr bewundert, es aber nicht halten kann. Was er anfasst, geht ihm kaputt. Rocco wiederum, der gute Sohn, der als Boxer Simone bald überrunden wird, ist auch konservativ, fast reaktionär, dem Land der Olivenbäume verhaftet; jemand, der – laut van Hove – »die Familienehre über die Liebe stellt und total frustriert ist«. Er könne sich dem Neuen nicht öffnen. Der Engel schaut nur heimwärts.

Simone und Rocco sind wie Kain und Abel – und zwischen ihnen eine ewige Eva und das alte Lied von Schuld und Sühne, Eifersucht, Hass und Begehren. Das Aroma des Römisch-Katholischen des Italieners Visconti kann der Flame Ivo van Hove, der in den protestantischen Niederlanden (in Eindhoven, dann in Amsterdam) zum führenden Regisseur wurde und von 1997 bis 2004 auch das »Holland Festival« leitete, nachvollziehen. Es enthält das Sakrament einer sinnlich-kultischen Schmerz-Religion.

Der Film handle auch »von der Kraftlosigkeit einer Familie«, sagt Ivo van Hove. Der Zerfall intakter Strukturen, das trifft van Hoves Interesse: eine private Geschichte, die ein gesellschaftliches Panorama entwirft. Und er spricht von Antonioni, von dem er demnächst drei Filme zu einem Abend verbinden wird: »L’ecclise«, »L’avventura« und »La notte«. Gleich »Rocco« um 1960 entstanden, zeigten sie ebenfalls, wie schwierig es mit der Liebe sei unter sich verändernden sozialen Bedingungen.

Auseinandernehmen und zusammenfügen

Ein anderer der Brüder, von Visconti symbolreich an den Schluss gestellt, aber doch etwas im Schatten belassen, ist für Ivo van Hove ganz wichtig: Ciro, der Arbeiter bei Alfa Romeo, der sich mühsam und fleißig Fachwissen aneignet, keine große Schau abzieht – und nie seine Frau Franca in die Höhle der Löwin La Mamma mitbringt. Er gründet abseits sein eigenes Heim. »Ihm gehört die Zukunft. Er ist unbelastet, praktisch, rational und frisch – vermutlich irgendwann ein guter Manager«. Eine Identifikationsfigur, gelöst vom Erbe und der Erde Siziliens. Es gebe im Drehbuch (nicht im Film) eine Szene, erzählt van Hove, in dem die Mutter in einem Brief an ihren Sohn Vincenzo vom Tod des Vaters berichtet und seiner Weigerung das karge Land zu verlassen, »das uns nichts als Elend gebracht hat«. So weit ist es also mit der nostalgisch-mythischen Überhöhung der Scholle nicht her.

Er würde »einfach den Text nehmen und ihn genau lesen«, nicht nur bei Filmstoffen. In der Vorbereitung sei er »ein ganz klassischer Regisseur«, sagt der 50-Jährige, der seine Regie-Ausbildung in Brüssel erhielt und 1981 mit dem Bühnenbildner Jan Versweyveld die Gruppe AKT gründete. Die New York Times drückte ihm in einem Artikel den »Schmiedehammer« in die Hand, um ihn als Dekonstruktivisten kanonisierter Theatertexte zu charakterisieren. Fünfmal hat er in den Vereinigten Staaten inszeniert, darunter »Hedda Gabler« und einen Eugene O’Neill, der den Amerikanern heilig ist wie Molière den Franzosen und Shakespeare den Engländern. Ivo van Hove pariert die Festlegung auf den »bad boy-Avantgardisten« mit amüsiertem Ärger. Er nehme Dinge nicht nur auseinander, sondern füge sie auch zusammen. Aber was solle man tun, wo doch für die USA »das Walhall des Theaters« immer noch unterm Traditionsstaub der englischen Bühnenpflege liege! Nun, da ist van Hove von anderem Kaliber.

Zum Beispiel seine »Römischen Tragödien«, die Shakespeares »Coriolan«, »Julius Caesar« und »Antonius und Cleopatra« zur Chronologie reihen. Ein Laufband ruft den akuten Notstand für die Republik Rom aus. Breaking News liefern Infotainment, berichten von Kriegen und Schlachten, holen die Volksführer und -verführer ins Studio zum Interview und knüpfen auf einer weiteren Reflexionsebene in Doku-Schnipseln Verbindungen zu modernen Imperien, blättern das Familienalbum der Kennedys auf und blenden die CNN-Faction des Irakkrieges ein. Die Wirklichkeit wird in Stellung gebracht, zwanglos und lässig für den Zuschauer, der es sich auf die Bühne in einer Wohnlandschaft bequem machen kann, umstellt von Bildschirmen, einer Imbisstafel, einem Internet-Café. Während sechs Stunden wird man selbst Teil der Aufführung, deren Darsteller zwischendrin scheinbar aus der Rolle steigen, sich eine Cola holen oder an den PC setzen. Wie sehr ist der Schauspieler privat, wie sehr der Zuschauer Teil der öffentlichen Inszenierung? Auf unverkrampfte Weise, konzentriert und integrativ werden Parallelaktionen, Wechselwirkungen, Korrespondenzen zwischen Ensemble und Publikum anschaulich.

Tunnelblick, der Zweifel ausblendet

Der dreiteilige Bericht aus Rom lässt Ausschuss und Tribunal, Kantine und Debattierclub, Lobby, Plenarsaal und Medientalkshow mit ihren Manipulationen und Multiplikationen assoziieren, behauptet demokratische Teilhabe wie in der Agora und führt sie zugleich ad absurdum, schaut hinter die Kulissen und positioniert diese permanent als Barrieren.

Politik und Business. Die »Römischen Tragödien« habe er auch gemacht als Kontrast und Ergänzung zu Wagners »Ring« an der Vlaamse Opera in Antwerpen: »Kein Märchen, nicht nur kulturpessimistisch, sondern ein ›Ring‹ fürs 21. Jahrhundert, an dessen Ende die Überlebenskraft des Menschen aufscheint«, sollte es sein.

Mit der 2006 bis 2008 realisierten Tetralogie habe er sich sechs Jahre beschäftigt, »ohne sich einen Tag zu langweilen«. Aber wenn Ivo van Hove versucht zu erklären, wie das gemeint sei, ein »Ring« für unsere Zeit, verzieht er das Gesicht, weil er das Wort »realistisch« benutzen muss, das sofort einen banalen Beiklang annimmt. Deshalb scheut er zu sagen, sein Wotan sei auch jemand wie Bill Gates, der seinen Mikro-Kosmos u. a. deshalb gegründet habe, um etwas Gutes zu schaffen, weil er eine Vision hatte – so wie der alte Gott mit dem Projekt Walhall.

Mit einem »Warte mal!« stoppt van Hove unseren von seiner Seite anfänglich reserviert begonnenen Dialog, um es noch extremer zu formulieren: »Glaubte nicht auch Saddam Hussein, dass das, was er machte, gut war für sein Land?« Wie Brutus oder Wotan, vielleicht auch wie Rocco, bis ihr »Tunnelblick« die Zweifel ausblendet, bis die »Denkfehler« auftreten.

Ein Mann mit Mission

Heißt das nun: Alles verstehen, alles verzeihen? Als Regisseur, sagt van Hove, sei er nicht moralisch. Er unterscheidet sich sehr von den angesagten deutschen Regie-Stars, den Stemännern und unverdrossen munteren Stehaufmännchen, die stets »Kommentare« mitliefern, die Besserwisser-Pose annehmen und sich ironisch überheben. Er fälle kein Urteil. Im Theater, überhaupt in der Kunst kommt es ihm darauf an: »zuzugucken, zu analysieren, zu verstehen, zu zeigen«. Ironie als Haltung einer Inszenierung findet er öde und langweilig. »Wenn jemand es nicht ernst nimmt, würde ich doch dafür keine Karte kaufen.

«Direktheit, kein flaues Auf-Distanz-Gehen, Mut auch zum dramatischen Thrill zeichnen ihn aus. Da wäre sogar das Wort »Mission« angebracht. Die Grabrede des Marc Anton für Caesar ist bei der toneelgroep eine Sternstunde, flammend, am Siedepunkt.

Es wird nun Zeit, dass der Name Patrice Chéreau fällt: sein »Idol« aus den 80er Jahren. Ihn bewundere er dafür, wie der auf der Bühne »Psychologie in den gesamten Körper umsetzt«, wie grandios er Chöre in der Oper inszeniert und in seinen Filmen »das Dunkle in Figuren« legt, und wie der Franzose, »der auch etwas Gesundes und Ursprüngliches« hat, Liebesgeschichten als Ding der Unmöglichkeit zeigt, in denen sich »das Sexuelle und Physische nie entlastend und befreiend« darstelle.

»Skandal der Intimität«

Nicht verwunderlich, dass Ivo van Hove, der vor etwa 20 Jahren mit Julien Greens Drama »Süden« Aufsehen erregte, Ingmar Bergmans »Szenen einer Ehe« inszeniert hat und im nächsten März in Antwerpen dessen »Schreie und Flüstern« herausbringen wird. Marie Zimmermann, die ihn für die Triennale gewann, sprach mit Blick auf seine Arbeit prägnant von »Skandal der Intimität«. Das trifft noch auf einen anderen zu, den Amerikaner John Cassavetes, dessen Filme »Opening Night« und »Faces« van Hove bereits adaptiert hat. »Was Schauspieler machen, ist okay, weil es von Menschen kommt« (Cassavetes): in all ihrer Unsicherheit, mit all ihrer Risikobereitschaft. Diese Wahrhaftigkeit, auch als Erkennen des »Bruchhaften und der Selbst-Konstruktionen«, verbindet Ivo van Hove mit Cassavetes. »Die Figur ist ein Mensch, also unberechenbar, während wir auf der Bühne dazu neigen, Figuren zu vereinfachen. Aber das Unerwartete passiert im nächsten Satz, im nächsten Moment. Es ist wichtig, dass man nicht schon gleich das Ende weiß.

«Alles passiert gleichzeitig, Synchronität und Simultaneität des Fühlens, der Abläufe und Ereignisse. Nichts zu isolieren, bestimmt Form und Methode der Arbeiten des Ivo van Hove. »Rocco«, als Film montiert in einer Fülle kurzer Szenen, will er auf dem Theater wie eine einzige große Szene, fließend und geschmeidig, gestalten. Zurück also zu »Rocco«, zurück zu Zimmer 13 in Ivo van Hoves Büro auf der Amsterdamer Prinsengracht im Studiohaus der toneelgroep, deren Direktor er seit 2001 ist, zurück zu den Proben.

Während Simone (der wuchtige Hans Kesting) und Nadia (Halina Rejin) sich auf ihrem Bett lieben, werkelt gegenüber Ciro (Alwin Pulinckx), und Rocco tritt ein ins Spiel. Auf einem der vier Bautürme, deren Etagen und Plattformen die Parondi-Wohnungen, Bar und Sportstudio beherbergen, sitzt der Tontechniker Harry de Witt. Wummern und das Prasseln von Schlägen, produziert von aufschlagenden Mikrofonen und dem Klatschen auf einen Batzen rohes Fleisch, legt sich als Sound über das Geschehen und erzeugt eine suggestive, aufputschend nervöse Mischung, die dem Theatralischen des Films eine Dimension hinzufügen kann. »Eine neue Dynamik«, sagt van Hove: »Man muss den Film vergessen, muss seinen eigenen Code finden.

«Das Gute an Filmvorlagen sei, dass der Text »meistens realistisch« ist. Und konkret. »Ein Film schenkt Freiheit und ist ein Gefängnis.« Frei, weil man – anders als bei den zahllosen Interpretationen eines Theaterstücks – irgendwie eine Art Uraufführung erstelle, die sich behauptet gegenüber dem Statischen eines Films, der wie »Rocco« seit fast 50 Jahren unverändert und wie ein Monument wirkt. Gefangen, weil man angesichts vorformulierter Visualität gute Gründe brauche, um dem Vor-Bild etwas entgegen zu setzen.

Am Ende des Films ertönt die Sirene, die Ciro in die Automobil-Fabrik zurückruft. Es ist das Signal der Zukunft, aber es erschallt über einem Brachfeld und einer Betonwüste, wo auf einer Plakatwand Roccos Konterfei das nächste Boxmatch annonciert. Es ist das Antlitz eines Heiligen. Seine Verzichts-Tugend hat den Fall des Gewichts nicht verhindert. //

»Rocco und seine Brüder«, Premiere: 27. Sept. 2008, Jahrhunderthalle Bochum, Vorstellungen: bis 4. Oktober 2008

Text: Andreas Wilink / Erschienen in K.WEST Ausgabe September 2008