Das Wundern in Bern

..  Als gestern aus Berlin die Nachricht durchsickerte, dass das Kunstmuseum Bern die ihm vermachte Gurlitt-Sammlung sehr wahrscheinlich annehmen will, reagierten die noch lebenden Verwandten von Cornelius Gurlitt: Die Cousine des verstorbenen Münchner Kunstsammlers, die 86 Jahre alte Uta Werner, erhebt überraschend Anspruch auf das Erbe, das der im Mai dieses Jahres gestorbenen Cornelius Gurlitt per Testament dem Kunstmuseum Bern als Alleinerben vermacht hatte.

Nach Angaben ihres Sprechers beantragte Uta Werner am Freitag einen Erbschein beim zuständigen Nachlassgericht. Sie habe sich dazu entschlossen, nachdem vor wenigen Tagen ein Gutachten bekannt wurde, das den Geisteszustand und damit die Testierfähigkeit von Cornelius Gurlitt anzweifelt. Uta Werner und ihr Bruder Dietrich Gurlitt wären die gesetzlichen Erben der Sammlung gewesen, wenn Cornelius Gurlitt sie nicht dem Kunstmuseum Bern vermacht hätte. Dietrich hatte frühzeitig verlauten lassen, er wünsche sich, dass das Kunstmuseum Bern die Sammlung annehme.

Damit steht auch die für den kommenden Montag in Berlin angekündigte gemeinsame Pressekonferenz des Berner Museums mit Monika Grütters (CDU) als Kulturstaatsministerin des Bundes und dem bayerischen Kunstministerium unter gänzlich neuen Vorzeichen. Welche Auswirkungen das Gutachten und die Erbansprüche der Gurlitt-Cousine haben werden, ist derzeit noch nicht abzusehen.

Das Leben mit den Werken

Es ist die nächste spektakuläre Wende in einem in der deutschen Geschichten einzigartigen Fall. Er begann völlig unspektakulär am 22. September 2010: Zollbeamte finden im Zug von Zürich nach München bei dem Kunsthändler-Sohn Cornelius Gurlitt 9000 Euro Bargeld. Ein Steuerdelikt? Fahnder entdecken anderthalb Jahre später in Gurlitts Wohnung in München-Schwabing 1280 wertvolle Kunstwerke; zusammen mit den erst im Februar dieses Jahres in Gurlitts Salzburger Haus entdeckten Werken umfasst die Sammlung 1738 Zeichnungen, Grafiken und Gemälde, mit Werken von Picasso, Chagall, Matisse, Nolde und Munch und selbst einem Dürer.

Die Fahnder wollen zunächst in aller Stille herausfinden, wie viel Raubkunst unter den Werken ist. Doch die Stille beendet das Nachrichtenmagazin „Focus“ im November 2013, da vermutete man noch, die Sammlung sei Milliarden wert. Seitdem kam immer mehr über Cornelius Gurlitt und seinen Vater Hildebrandt zutage, der einer von Hitlers Kunsthändlern war. Doch er verkaufte nicht alles, was die Nazis ihm übergaben. Bis heute ist unklar, unter welchen Umständen und aus welchen Motiven Gurlitts einzigartige Sammlung zusammenkam. Nach einer ersten Sichtung wurde bekannt, dass mindestens 458 der Werke unter Raubkunstverdacht stehen.

Nach dem Krieg wurde Hildebrandt Gurlitt Leiter des Düsseldorfer Kunstvereins, er starb bei einem Autounfall 1956 in Oberhausen auf der Autobahn. Sein berufsloser, 1932 geborener Sohn Cornelius scheint nach dem Tod seiner Mutter mit den Bildern der Sammlung dauernd zusammengelebt zu haben. Finanzielle Engpässe überbrückte er, indem er gelegentlich ein Werk verkaufte.

Cornelius Gurlitt stirbt am 6. Mai dieses Jahres im Alter von 81 Jahren in seiner Wohnung in München, kurz nachdem die Staatsanwaltschaft Augsburg seine Kunstsammlung wieder freigegeben hat. Gurlitt hatte sie seit der Beschlagnahmung nicht mehr wiedergesehen. Im Testament vermacht er sie dem Kunstmuseum Bern. Dort jedoch wird man sich ob der neuen Entwicklung sehr wundern.

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