Das Ruhrgebiet und seine neuen Bodenschätze

Jens Dirksen
Der Künstler Johannes Brus in seinem „Nashorn-Tempel“ von 1988, der nun gründlich renoviert und neu eingeweiht wurde.
Der Künstler Johannes Brus in seinem „Nashorn-Tempel“ von 1988, der nun gründlich renoviert und neu eingeweiht wurde.
Foto: Dirk Bauer
„Public Art Ruhr“, die Initiative der Ruhrkunstmuseen, die sich um ältere Kunstwerke unter freiem Himmel kümmert, feierte die fünfte Neuenthüllung von Kunst im öffentlichen Raum. Diesmal war es der „Nashorn-Tempel“ von Johannes Brus an der B 224 im Essener Norden.

Essen. Kaum geht das Kohlezeitalter zu Ende, wird auch die Kunst zu den Bodenschätzen des Reviers gezählt: Walter Smerling, Direktor des Duisburger Museums Küppersmühle, bemüht dieses Bild gern, wenn er gefragt wird, warum er das Projekt „Public Art Ruhr“ so sehr vorantreibt. Diese Initiative, die aus dem Kreis der 20 Ruhrkunstmuseen hervorging, hat nun fünf Kunstwerke im öffentlichen Raum „neuenthüllt“ – ein neuer Begriff, der für eine neue Art des Umgangs mit Kunst unter freiem Himmel erfunden wurde. Praktiziert wurde der wertschätzende Umgang mit den jüngeren Revier-Bodenschätzen zuletzt am Mittwoch im tosenden Feierabendverkehr, am „Nashorn-Tempel“ von Johannes Brus an der vierspurigen B 224 im Essener Norden.

Als das Werk, das an die archäologischen Funde von Wollnashörnern im Emschertal erinnert, 1988 errichtet wurde, stand es vor einer Zechenwand – heute ist das Bergwerk nicht nur Geschichte, sondern abgerissen. So sind auch die vier Stahlkokillen, von denen das Nashorn eingefasst ist, zu Symbolen der Vergangenheit geworden. Und sie waren, genau wie das Nashorn, kaum noch zu erkennen, alles war zugesprüht, zugewachsen, dem Zahn der Zeit überlassen.

Kunst formt die Blicke

Mit reviertypischer Lakonik parierte der Gelsenkirchener Brus die Frage, ob es denn ein erhebendes Gefühl gewesen sei, dass seine Skulptur renoviert und neu enthüllt wurde: „Erhebend war es, die Skulptur zu machen!“

Bei der Podiumsdiskussion, mit der „Public Art Ruhr“ im Museum Folkwang zwischendurch Luft holen und zur Besinnung kommen wollte, schälte sich heraus, dass die Kunst im öffentlichen Raum ein Aufmerksamkeitsproblem hat: In ihrer alltäglichen Vertrautheit wird sie nicht mehr so recht wahrgenommen.

Deshalb forderte etwa Raimund Kummer, dessen himmelhohe „Schwelle“ im Essener Emscher-Park ebenso restauriert wurde wie die umgekippte Lokomotive von Wolf Vostell in Marl („Tortuga“) oder die gekachelte U-Bahn-Wand von Gerhard Richter und Isa Genzken in Duisburg, mit eindringlichen Worten mehr Führungen und Touren zu den Kunstwerken in öffentlichen Räumen, von denen viele ja den Raum erst öffentlich gemacht hätten, weil sie auf Gegenden hinwiesen, die zuvor kaum jemand betreten hätte. Werke wie Richard Serras Stahlbramme auf der Essener Schurenbachhalde, fügte Andreas Rossmann von der „Frankfurter Allgemeinen“ hinzu, sollten aber nicht nur unter Nutzwert-Gesichtspunkten gelten dürfen, sondern auch als autonome Kunstwerke respektiert werden.