Das Missverständnis der Fotografie im Museum Folkwang

Die Ausstellung "(Mis)Understanding Photography" ist bis zum 17. August im Museum Folkwang in Essen zu sehen.
Die Ausstellung "(Mis)Understanding Photography" ist bis zum 17. August im Museum Folkwang in Essen zu sehen.
Foto: Kerstin Kokoska
"(Mis)Understanding Photography" heißt die neue Ausstellung im Essener Museum Folkwang. Sie zeigt, dass Bild-Manipulationen á la Photoshop schon in der vor-digitalen Zeit großes Thema waren. Die Schau gibt die Positionen von 58 berühmte Fotografen zu ihrem Medium wider.

Essen. Wahlplakate sind nicht wahr, nicht einmal mehr in den Bildern. Niemand wundert sich über eine republikweit gepflasterte Verjüngungskur für Angela Merkel. „Photo­shop“ ist längst nicht mehr der Name für einen Laden, in dem man Filme abgibt und später Bilder zurückbekommt. Seit Fotos nicht mehr im Labor entwickelt werden, sondern am Computer aufbereitet, weiß jeder um Bildbearbeitungsprogramme – und um deren Folgen auch. Fotografien bilden die Welt nicht ab, sondern stellen sie dar.

Den professionellen Fotografen war fast von Anfang an bewusst, dass ein Bild nicht in der Kamera, sondern im Labor entsteht. Diesem Wissen und dem Nachdenken darüber in 175 Jahren Fotografiegeschichte widmet sich ab heute eine neue Ausstellung in der Essener Foto-Hochburg Museum Folkwang: „(Mis)Understanding Photography“.

Der tote Che Guevara

Es geht also nicht um spektakulär gute, schöne, wahre Fotos, sondern darum, sie und alle anderen zu hinterfragen. Am fröhlichsten tun das die Parodien auf weltbekannte Ikonen der Fotografie. Zbigniew Libera etwa macht aus dem toten Che Guevara im Kreis seiner Mörder einen lebendig grüßenden Milizionär und aus dem Bild der in Vietnam schreiend vor einem Napalm-Angriff davonlaufenden Kim Phuc macht er einen fröhlichen Sonntagsausflug. Verblüffender Weise frischt gerade dieser Schabernack den blutigen Ernst der Originale, der vor lauter Sehgewohnheit schon verblasst war, schlagartig wieder auf.

Und während die „Gurkenparty“ mit tanzendem Gemüse auf dem Tisch oder in der Luft vergnüglich von Foto-Manipulationen zeugt, macht Bogomir Ecker an Archivbildern von US-Zeitungen deutlich, wie sehr dort die Realität bearbeitet wurde, bis sie passte. Eine große Augenweide ist zudem der Gartenfotografiegarten, den der Niederländer Erik Kessels im Museum eingerichtet hat: zwischen Pflanzen in einem Beet ragen Amateurfotos von Frauen im Garten heraus – schlagend. Die künstlerische Auseinandersetzung der insgesamt 60 Fotografen mit ihrem Material und dem, was sie mit ihrem Blick in die Welt bewirken, ist vielschichtig, nicht selten etwas verschlossen und in jedem Falle übersetzungsbedürftig für alle, die mit der Sprache der Kunstfotografie nicht vertraut sind.

Dem Licht beim Arbeiten zusehen

Erste Hinweise für eine solche Übersetzung liefern die 58 Manifeste und theoretische Überlegungen von Fotografen zwischen Daguerre und Ai Weiwei, die Folkwangs Fotochef Florian Ebner in die Mitte des Ausstellungsparcours hat setzen lassen. Man Ray etwa wusste, dass Fotografieren bedeutet, „dem Licht beim Arbeiten zuzusehen“. Das kann man in Essen nun auch in vielfältigen Reflexionen.

(Mis)Understanding Photography. Werke und Manifeste. Museum Folkwang. Museumsplatz 1, bis 17. August. Di-So 10-18 Uhr, Fr bis 22 Uhr. Eintritt: 8 €, erm. 5 €. Katalogbuch: 10 €.

 
 

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