Das Leben in zweieinhalb Minuten

Randy Newman in der Bochumer Jahrhunderthalle. (Foto: Ingo Otto)
Randy Newman in der Bochumer Jahrhunderthalle. (Foto: Ingo Otto)
Foto: Ingo Otto/WAZ FotoPool
Der amerikanische Singer-Songwriter und erfolgreiche Filmmusik-Komponist Randy Newman geht auch mit 68 Jahren noch auf Solo-Tournee. Mehr als ein Klavier braucht er nicht, um das Publikum mit einem Song-Repertoire aus über vier Jahrzehnten zu fesseln.

Bochum. Wenn Randy Newman ironisch ist in seinen Songtexten, dann ist er das auch gegen sich selbst. „Ich habe nichts mehr zu sagen“, singt er in „I’m Dead (But I Don’t Know It)“, „aber ich sage es trotzdem.“ 40 Jahre auf der Bühne, warum ist der Kerl noch da? Und er befeuert sein Publikum am Sonntagabend in der Bochumer Jahrhunderthalle, beim Refrain nur kräftig einzufallen und ihm das „He’s dead“ um die Ohren zu hauen.

Nichts wirkt veraltet

Aber was, fragt man sich da, wäre die Welt wohl ohne einen wie Randy Newman? Wer würde dann noch solch herrlich boshafte Song-Kleinode schmieden über die Verrücktheit der Welt und der USA im Besonderen? Sein Konzert in Bochum untermauert noch einmal die Einzigartigkeit dieses Kaliforniers, der sich nur ans Klavier setzen muss, um die Menschen mitzunehmen zu all den skurrilen Typen, deren Macken und Weltbilder er voll Süffisanz als Ich-Erzähler vor uns ausbreitet. Politiker ausdrücklich mit einbezogen.

Nichts wirkt veraltet in den Songs des 68-Jährigen, nicht einmal wenn er „Cowboy“ von 1968 auspackt: Die tiefe Sehnsucht nach Einfachheit, die hier in der Konfrontation des letzten Cowboys mit der kalt-grauen Stadt transportiert wird, ist schier zeitlos. Wenn er sich über den Expansionsdrang der „Great Nations of Europe“ des 16. Jahrhunderts lustig macht, dann passt das exakt auf Tendenzen in der gegenwärtigen US-Politik. Ein Song wie „Louisiana“ (1974) über das Hochwasser von 1927 wirkt geradezu wie eine Vorstudie zum Katrina-Desaster viele Jahre später.

Genie der kleinen Form

Newman ist ein Genie der kleinen Form, seine Lieder sind selten länger als zweieinhalb Minuten. Aber er braucht eben nur drei kleine Strophen, um in die Psyche des Massenmörders Peter Kürten zu blicken und Schauerliches zu Tage zu fördern. Und nur vier, um in „Suzanne“ (1970) aus der Perspektive eines Stalkers die Fixierung auf eine Frau zu beschreiben. Bei einem Konzert kommen deshalb leicht drei Dutzend Titel zusammen.

Seine Stimme, noch nie für ihre Perfektion bekannt, will nun die gelegentlichen Höhen kaum noch erklimmen. Aber was soll’s, wenn das Voyeur-Bekenntnis „You Can Leave Your Hat on“ in seinem schlichten Vortrag noch immer stärker wirkt als in den großen Dramen, die Künstler wie Tom Jones oder Joe Cocker daraus gemacht haben. Randy Newman entlässt uns mit „I Think It’s Going to Rain Today“, einem erschütternden Lied über fehlende Mitmenschlichkeit. Das schafft Gänsehaut schon in der Halle, noch bevor man in die kalte Bochumer Nacht abtaucht.

 
 

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