Das Leben als Clip

Köln. Die virtuelle Welt weitet sich aus. Die Expansion des Internets ermöglicht neue Formen des Austauschs – vom digitalen Brief, noch recht nah an der physischen Vorlage, bis zur Selbstdarstellung im Videoformat auf MySpace oder YouTube.

Neue Gemeinschaften haben sich gebildet, die nur findet, wer danach sucht. Eine von ihnen hat sich dem „Digital Storytelling“ verschrieben, dem „digitalen Geschichtenerzählen“. So ein Geschichtchen, mit einer Dauer von etwa ein bis drei Minuten erzählt, besteht aus einer Abfolge von Bildern, Fotos oder kurzen Filmsequenzen, unterlegt mit der Stimme des Erzählers und oft auch Musik. Die Themenwahl ist so offen wie das Medium und meist autobiographisch, oft tief schürfend, von Kindheitserinnerungen bis zu Berichten vom Wendepunkt des Lebens.

Kunst als Bürgerrecht

Doch worin besteht die Faszination neuer Formen? Wo liegt der künstlerische oder persönliche Mehrwert? Zugrunde liegt eine bewusste Erweiterung des Kunstbegriffs mit basisdemokratischen Zügen. Jeder ist Künstler, und jeder hat etwas mitzuteilen. Den „Community artists“, heißt es auf der Website des Zentrums, „schwebte eine Ausweitung technischen und ästhetischen Kunstunterrichts als Bürgerrecht vor“. Ziel ist weniger ein kritisch hoch gelobtes Werk als ein bereichernder Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

Mehrwert des Digitalen?

Kunst als Therapie, durchaus auch für „Gesunde“, so neu ist die Idee nicht. Doch was ist das Kennzeichnende der elektronischen Anekdote? Einer der Köpfe der Bewegung ist der Kalifornier Joe Lambert. Der Mann aus dem Medien-Mekka ist Gründer und Vorsitzender des „Center for Digital Storytelling“ in Berkeley. Damit ist er Mit-Entwickler und natürlich auch Verfechter der Erzählform. Er und seine Kollegen führen jährlich zahlreiche Schulungen durch, in denen sie benachteiligte Jugendliche, Frauengruppen oder Multiplikatoren mit Vorkenntnissen im künstlerischen oder sozialen Bereich an die Technik heranführen. Lambert sieht einen klaren Mehrwert des Digitalen. „Das Ganze ist sehr verführerisch“, sagt er. „Es hat einen therapeutischen Wert, den analoge Medien nicht haben.“ Doch weshalb? Der Experte beschreibt daraufhin den Gegenstand seines beruflichen Lebens mit klangvollen Worten: „Es ist ein eindringlicher Weg zurück in die eigenen Erinnerungen. Es ist wie ein Spiel mit den eigenen Träumen.“ Das Medium, so argumentiert er, erlaubt „mit Film zu spielen wie mit Sprache“. Die Motivation der Kreativen sei nicht nur die alte Antriebsfeder der Filmschaffenden, das Verlangen nach Berühmtheit, sondern auch die Möglichkeit des „persönlichen Ausdrucks“. Aber er ist kein Psychiater, sagt er.

Die Teilnehmerinnen eines Seminars, das Joe Lambert Ende April in Köln durchführt, sind im künstlerischen oder medienpädagogischen Bereich tätig. Und begegnen der Methode mit der Nüchternheit der Erfahrenen. Für die meisten ist „Digital Storytelling“ lediglich eine Variante ihres täglichen Brots. Manche tauschen die Tastatur gern einmal gegen den Stift – auch in der Schulung selbst. „Es ist wichtig, mit der Hand aufzuschreiben“, meint eine Teilnehmerin. „Wir brauchen in der Medienpädagogik den analogen Moment“. „Ein gutes Schlagwort für die Presse“, antwortet einer lakonisch nach dem Zusatzwert der Methode. Eine Frau fügt nach kurzem Nachdenken hinzu: „Das brauchen Sie, weil Sie Jugendliche sonst kaum ans Erzählen bekommen.“

Virtuelle Faszination

Da ist sie wieder, die Faszination des Virtuellen, die Frage warum jemand Fußball lieber am Rechner als auf der grünen Wiese spielt. Aber hier geht es ja um eine kreative Leistung, einen aktiven Beitrag. Wahrscheinlich liegt unserer Technik-Begeisterung vieles zugrunde. Die Lust an der größeren Perfektion, an einer Reinheit, die es in der physischen Welt nicht gibt. Die Möglichkeit, Bilder des eigenen Körpers zu verwenden und sich so selbst Teil des eigenen Produkts zu werden. Sicher auch die Mitteilbarkeit digitaler Erzeugnisse und das breite Publikum, dem in Internetportalen Zugriff auf das Persönliche gewährt wird. Gleichzeitig kann sich der Urheber, wenn er will, die Rezeption aus der Anonymität beobachten. Aber vielleicht ist es auch die größere Kontrolle über den Rezipienten, die der Einsatz mehrerer Ebenen erlaubt. Wenn die eigene Gedankenwelt in einer Mischung aus Bild, Ton und Erläuterung übermittelt wird, dann reduziert jede Ebene die Möglichkeit von Missverständnissen und Fehlinterpretationen.

Den Veranstaltern, Teilnehmerinnen und Teilnehmern stellt sich, so scheint es im Gespräch, die Frage kaum. Was vielleicht ein Zeichen der Verbreitung und Akzeptanz längst nicht mehr neuer Medien ist. Wer würde schon ernsthaft den Sinn der Kulturtechnik Schreiben in Frage stellen?

 
 

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