Das Kleistchen von Heilbronn in Düsseldorf

Jens Dirksen
Käthchen von Heilbronn: Lieke Hoppe in der Titelrolle.
Käthchen von Heilbronn: Lieke Hoppe in der Titelrolle.
Foto: Matthias Horn
Wahr ist nur die Liebe: Düsseldorf entkleidet das „Käthchen“ des Heinrich von Kleist bis aufs Wollhemd. Das Stück fällt ins Wasser – aber nur zum Schein.

Düsseldorf. Heinrich von Kleist war auf Erden bekanntlich nicht zu helfen, wie er an seine Schwester schrieb, bevor er dann am Kleinen Wannsee erst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich erschoss. Wenn Regisseur Simon Solberg also nun Kleists „Käthchen von Heilbronn“ im Central des Düsseldorfer Schauspielhauses unter Wasser setzt, lässt er rund um die Waffenschmied-Tochter die Assoziationsketten rasseln. Also spielen sich die Eindreiviertelstunden dieser beherzt gekürzten und mit Briefpassagen des unglücklichen Autors angereicherten Fassung pausenlos im knöcheltiefen Nass ab.

Nur die Liebe weiß, was wahr ist

Aber wozu? Das einzige Stück, mit dem Kleist zu Lebzeiten ein wenig Erfolg hatte, ist ja noch entrückt genug, selbst wenn Solberg es schon vom ganzen Feuerproben- und Kaiserquatsch und dem nicht mehr ganz so brisanten Problem unstandesgemäßer Verbindungen befreit. „Ich sehe dich“, ruft Käthchen zum Schluss und sinkt einmal mehr dahin, ins Nass. Es ist die unbedingte Liebe zum Grafen Strahl, die von Anfang an immer wieder von den Beinen holt, und nur die Liebe ist in der Lage, die ganze, die wahre Wahrheit zu erkennen: auf diese beinahe trivialromantische Rettungsplanke im Seebeben der Erkenntniskritik schnitzt Solberg das Ritterspiel zurecht.

Dabei ist das alles gut anzuschauen: das düstergraue Bühnennichts, Kunstnebel, die effektsichere Lichtregie (Peter Bothmann) und der überaus einfallsreiche Einsatz flexibler Schlauch-Röhren in diversen Größen als Burg, Baum oder Pferd, als Harnisch, Stola, Felsen, Rüstung, Armreif, Schwert und Lanze machen aus dem Ganzen so etwas wie ein abstraktes Fantasy-Spektakel (Bühne: Sabine Kohlstedt, Kostüme: Katja Strohschneider). Regelmäßige Kalauer holen das Düstermärchen jedoch immer wieder auf den Wasserspiegel der Tatsachen zurück. Aber wenn die Röhre tatsächlich das wäre, was die Welt im Äußersten zusammenhält – guckten wir dann in dieselbe? Oder stünden gar auf dem Schlauch?

Das alles bliebe jedenfalls leer laufendes Räderwerk, wenn nicht Lieke Hoppe in der Titelrolle und Minna Wündrich als aasige Kunigunde so wunderbar mit dem Wesen ihrer Figuren spielen würden. Lieke Hoppe im grauen Wollhemd gibt der reinen Törin Käthchen so viel (Welt-)Wissen und umwerfende Sicherheit, dass alle Züge von Naivität in faszinierende Charakterstärke verwandelt sind. Minna Wündrich gibt dem höfischen Verstellungsautomaten Kunigunde jene Augenblicke von Menschlichkeit hinter all den Masken, um die ja auch Kleist wusste, wenn er beklagte, dass Rollenspiel in Gesellschaft eine „Notwendigkeit“ ist und jeder nur mit sich allein „ganz wahr sein darf“. – Heftiger Beifall!