Das Haus der gefrorenen Gefühle

Hagen..  Drei einsame Frauen in einem eiskalten Schloss hoch im Norden. Ein Fremder kommt durch den Schneesturm. So fangen Schauergeschichten an, und das Theater Hagen zeigt Samuel Barbers „Vanessa“ tatsächlich als Mischung aus Horrormärchen und Psychothriller. Die spektakuläre Inszenierung wertet die hierzulande selten gezeigte amerikanische Oper zu einer echten Entdeckung auf. Das Publikum feiert neben der Regie vor allem die musikalische Leistung.

Regisseur Roman Hovenbitzer ist ein Spezialist für abgründige Themen. Mit dem Hagener Bühnenbildner Jan Bammes findet er einen genialen Partner, denn Bammes kann Räume von großer visueller Macht und Poesie erfinden. In „Vanessa“ sagt ein kleines Detail eigentlich schon alles über die Situation aus. Rund um den Salon windet sich ein Fries aus Eis, der auf den drei Frauen lastet und lauert wie ein gefrorener Brautschleier. Wir befinden uns im Haus der erstarrten Träume. Liebe ist hier nur als Projektion möglich.

Samuel Barbers „Vanessa“ nach den „Seven Gothic Tales“ von Tania Blixen wurde 1958 an der New Yorker Met uraufgeführt und galt schnell als erstes Meisterwerk der amerikanischen Oper überhaupt. In Europa fasste das Stück bei der Kritik dagegen nur schwer Fuß, und zwar, weil Barber eben nicht atonal komponiert, wie es der Zeitgeist damals forderte, sondern eine hochexpressive, dichte Tonsprache findet. Roman Hovenbitzer greift diese musikalischen Elemente auf, um seine Interpretation zu einem abgründigen Spiel mit Zeitebenen und Realitäten zumachen.

Vanessa wartet seit 20 Jahren auf ihren Geliebten Anatol. Sie diktiert den Alltag ihrer Großmutter und ihrer Nichte durch die Erinnerung an das vergangene Glück, das vielleicht nur in der Phantasie existiert.

Eines Tages steht tatsächlich ein Mann vor der Tür, doch es ist nicht Anatol, sondern dessen Sohn. Der lässt wie sein Vater nichts anbrennen und macht schon in der ersten Nacht ein Kind mit Erika, der angeblichen Nichte Vanessas. Als die ihn nicht heiraten will, wendet er sich Vanessa zu.

Hovenbitzer entwickelt aus dieser gefährlichen Konstellation eine verrätselte Analyse der vielen psychologischen Unterströmungen, die so beklemmend scharfkantig ist wie die Zacken des Eisschleiers. So trägt bei Vanessas Verlobung auch Erika ein Brautkleid, während der Chor – die Damen in Brautkleidern – mit Wolfsmasken alptraumhafte unterdrückte Aggressionen visualisiert.

Musik und Regie wirken hervorragend zusammen. GMD Florian Ludwig arbeitet den kammermusikalischen Charakter der Partitur ebenso feinfühlig und spannend heraus wie die hochdramatischen Gefühlsexplosionen.

Der junge amerikanische Heldentenor Richard Furman gibt mit „Vanessa“ in Hagen sein Europa-Debüt, und er hat eine Stimme, die wirklich aufhorchen lässt: groß und mit kostbarer Färbung, sicherer Höhe, verführerisch weich und metallisch raumgreifend zugleich.

Die australische Sopranistin Katrina Sheppeard singt die Vanessa mit glühender Durchschlagskraft als Frau, die ihr Leben zur Spielfläche ihrer Phantasien macht. Kristine Larissa Funkhausers Erika lebt als einzige in der Realität, und sie gestaltet diesen zum Scheitern verurteilen Charakter mit Intensität.

 
 

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