Das große Scheitern der Familie Buddenbrook

„Buddenbrooks“:  Toni (Lisa Jopt) sucht Trost beim Bruder Thomas (Stefan Diekmann). (Foto: Birgit Hupfeld)
„Buddenbrooks“: Toni (Lisa Jopt) sucht Trost beim Bruder Thomas (Stefan Diekmann). (Foto: Birgit Hupfeld)
Foto: Birgit Hupfeld
Thomas Mann spielen: Diesen Versuch hat der Autor John von Düffel ausgerechnet mit dem dickleibigen Familienroman „Buddenbrooks“ unternommen. Am Essener Grillo-Theater ist jetzt eine starke Inszenierung des Stücks zu sehen.

Essen.. Als John von Düffel 2005 für das Hamburger Thalia Theater eine Bühnenversion von Thomas Manns Großroman „Buddenbrooks“ anfertigte, da war für viele das Scheitern bereits inbegriffen. Was man dann jedoch auf der Bühne zu sehen bekam, war ein Mann-Konzentrat von großer Dichte, erstaunlich genau die Konflikte des Buches widerspiegelnd.

Inzwischen sind die „Buddenbrooks“ ein Repertoirestück geworden, allein des Namens wegen vielerorts nachgespielt. Was Christoph Roos jetzt in Essen aus der Vorlage gemacht hat, könnte endlich für Aufbruchstimmung sorgen im derzeit künstlerisch ein wenig im Schatten stehenden Grillo-Theater.

In grauer Strenge erstarrtes Heim

Autor von Düffel hat sich gar nicht erst der Illusion hingegeben, die Komposition des über 700-seitigen Werks mit seiner Personenfülle, seinen vielen Handlungssträngen und den komplexen Charakterstudien auf die Bühne transferieren zu können. Er richtet sein Augenmerk zuvorderst auf die drei Kinder Thomas, Toni und Christian der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook, deren jeweils persönliches Scheitern den Niedergang der Firma geradezu zwanghaft erscheinen lässt. Sein Stück ist dabei eine trefflich funktionierende Collage aus Mann-getreuen Dialogen, gesprochenen Briefen oder Berichten in der Ich-Form, die ganze Kapitel raffen.

Wer die Essener Inszenierung erlebt, sieht kein üppiges Kostümstück, wie Heinrich Breloer es kürzlich erst auf die Leinwand gebracht hat. Hier regiert die Drehbühne von Peter Scior ein in grauer Strenge erstarrtes Heim mit viel Glas, das die Kälte ökonomischen Handelns ahnen lässt, nach der hier gelebt wird. Hier agieren die Figuren in moderner Kleidung, was sie uns we-niger museal erscheinen lässt. Szenenwechsel werden nur marginal verdeutlicht: Wenn Toni Sand aus ihrem Schuh schüttet, sind wir in Travemünde; wenn rotes Licht auftaucht, streift Christian durch die Hurenviertel Londons.

Ein Mensch schrumpft

Roos abstrahiert, wo es nur geht. Aber er hat erstaunlich starke Schauspieler zur Hand, die viel Herzblut in dieses Konstrukt aus Rezession und Untergang pumpen und die mühelos auch in der Lage sind, eine Entwicklung über zwei Jahrzehnte spürbar zu machen. Stefan Diekmann dominiert den Abend dabei als Buddenbrook-Sohn Thomas, der von Anfang an alle persönlichen Neigungen abgetötet hat, um sich nach dem Willen von Vater Jean ganz in den Dienst der Firma zu stellen. Je weiter die Zeit fortschreitet, je mehr die Katastrophen sich häufen, umso mehr scheint dieser Mensch zu schrumpfen. Am Ende steht er da mit gefalteten Händen, erschöpft und ausgelaugt wie ein Prediger, dem der Glaube abhanden gekommen ist und der ihn deshalb mit noch größerer Härte als bisher verteidigt.

Lisa Jopt stattet die Tochter Toni mit einem gewissen Maß an Robustheit aus, weshalb ihr bei ihren persönlichen Niederlagen in zwei gescheiterten Ehen immer auch eine Spur von Humor anzumerken ist. Ihre wahre Liebe versandet im Strand von Travemünde, ihre Realität sind Gatten, die sich nach der Hochzeit als Mitgiftjäger und Machos zu erkennen geben. Jörg Malchow macht aus dem verletzlichen Christian einen durch die Welt taumelnden Hypochonder voller Zweifel und Empfindsamkeit, unbrauchbar für das Handelskontor des Vaters und wohl auch für eine bürgerliche Existenz, wie sie ihm daheim vorgelebt wird.

Nimmt man noch Wolfgang Jaroschka hinzu, der hinter der väterlichen Güte des alten Konsuls immer auch die Härte dieses Mannes erkennen lässt, und Andreas Maier, der den Mitgiftjäger Bendix Grünlich in seiner ganzen Wurmigkeit kenntlich macht, dann hat man für diese „Seelengeschichte des deutschen Bürgertums“ (Mann) ein prächtiges Ensemble zusammen. Langer, jubelnder Applaus.

 
 

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