"Das goldene Zeitalter" - Leben in der Endlosschleife

Uwe Schmieder als Affe, Merle Wasmuth und Caroline Hanke im „Goldenen Zeitalter“ von Dortmund.
Uwe Schmieder als Affe, Merle Wasmuth und Caroline Hanke im „Goldenen Zeitalter“ von Dortmund.
Foto: Edi Szekely
Furios: Das Dortmunder Schauspiel startet mit Kay Voges’ multiplem Abend „Das goldene Zeitalter“ in die neue Saison. Das Drei-Stunden-Stück wird jeden Abend anders gespielt, erarbeitet hat sich das Ensemble ein Gesamtvolumen von acht Stunden Referenz an das ewig grüßende Murmeltier.

Dortmund. Wenn man abends beim Zähneputzen plötzlich dieses Déjà-vu-Gefühl verspürt, dann ist das vielleicht der Anfang des Begreifens. Den Dortmunder Theaterchef Kay Voges überkam dieses Gefühl wohl beim Milchkauf im Supermarkt – die Erkenntnis,

dass das ganze Leben hauptsächlich aus Wiederholung besteht und der Mensch sich in Endlosschleifen befindet. Als waghalsige Theatermacher haben Voges und sein Dramaturg Alexander Kerlin daraus nun einen variablen Theaterabend geformt, der zwar immer wieder anders sein kann, der die Spielzeit aber ganz eindeutig fulminant eröffnet hat.

Ein verrückter Abend voll bunter Kostüme

Wenn man das Theater betritt, ist die Wiederholung bereits in vollem Gange. Sechs Schauspieler, drei Frauen und drei Männer, stapfen in Gestalt kurzberockter Anime-Blondinen in abgezirkelten Schritten immer wieder die gleichen Treppen hinunter, fahren per Fahrstuhl wieder hinauf und beginnen von neuem. Bühnenbildberin Pia Maria Mackerts hat dafür einen Raum geschaffen, der sich über zwei Etagen und ein Zwischengeschoss erstreckt. Hier ist dann auch noch Platz genug, wenn einzelne dieser puppenhaften Gestalten sich aus dem Loop ihres Lebens befreien möchten und Ausbrüche wagen.

Das ist der Beginn eines mal verrückten, mal tiefsinnigen Abends voll bunter Kostüme, der ganz auf den Live-Effekt setzt: Musiker Tommy Finke wird seine Kompositionen an jedem Abend neu ausrichten, Daniel Hengst seine hintergründigen Videos stets „on location“ erschaffen. Und zwischen den Zuschauern wird immer Kay Voges sitzen, um seine Regieanweisungen dem jeweils abgerufenen Material anzupassen. Acht Stunden hat man erarbeitet, nur drei davon erlebt der Zuschauer bei dieser Premiere.

Erkenntnis und Entertainment auf verrückte Weise gemischt

Doch die Fluchten aus der Endlosschleife, sie gebären nur wieder neuen Zwang zur Wiederholung. Einer beginnt damit, die Genesis zu rezitieren, strandet aber in einer schier endlosen Folge von Genealogien. Wir sehen einen Sisyphos bei der Arbeit mit dem Felsbrocken, die ständigen Neuanfang erfordert. Man fischt in allen Bereichen: Das tägliche Ritual der Tagesschau steht für immer gleiche Struktur, die jüngste von Tschechows drei Schwestern für stetig wiederholte Sehnsucht „nach Moskau“.

Nietzsche meldet sich aus einer Kiste und beschwört die Hölle der stetigen Wiederholung, ein „Erklär-Peer“ genannter Bär zitiert Kierkegaard: „Wenn Gott die Wiederholung gewollt hätte, dann hätte er die Welt nicht erschaffen.“

Mit schönen Quallen, gefräßigen Raupen,Supermarkt-Zombies, Adam und Eva sowie vielen anderen Gestalten vermischt „Das goldene Zeitalter“ Entertainment und Erkenntnis auf eine sehr verrückte Weise. Der Zuschauer darf am Ende nicht applaudieren, denn es gibt kein Verbeugen. Stattdessen steht nur ein lapidares „Fortsetzung folgt“ auf dem Eisernen Vorhang, ein Versprechen: Zumindest hier wird kein Abend wie der andere sein.

Termine: 21. Sept.; 9., 17. Okt. Karten: 0231/5027 222

 
 

EURE FAVORITEN