Das „Ferrante-Fieber“ grassiert bald auch in Deutschland

Neapel, 1955: Was es heißt, sich als Mädchen und junge Frau in der Macho-Mafia-Männerwelt zu behaupten, erzählen Ferrantes Neapel-Romane.
Neapel, 1955: Was es heißt, sich als Mädchen und junge Frau in der Macho-Mafia-Männerwelt zu behaupten, erzählen Ferrantes Neapel-Romane.
Foto: Getty Images
„Meine geniale Freundin“, das lang erwartete Meisterwek von Elena Ferrante, der unbekannten Star-Autorin aus Italien, ist ab Montag auch auf Deutsch zu lesen.

Essen. Wer ist Elena Ferrante? An diesem Montag erscheint der erste Teil von Ferrantes Roman-Tetralogie auf Deutsch: „Meine geniale Freundin“, Startauflage: 100.000 Exemplare. Millionen Leser in den USA und 50 weiteren Ländern feiern bereits diese 1700 Seiten starke Romanreihe, die der deutsche Suhrkamp-Verlag nun im Halbjahrestakt veröffentlichen wird. Obwohl – oder vielleicht eher: weil – die Urheberin dieses Hypes, die große Unbekannte der Gegenwartsliteratur, sich gar nicht feiern lassen will.

Als sie 1992 in Italien debütierte, entschied Ferrante sich für ein Pseudonym. Bis heute weiß allein ihr Verleger um ihre Identität. Zahlreiche italienische Intellektuelle wurden bereits der Autorschaft verdächtigt, vom Schriftsteller bis zur Professorin – und dementierten. Dem „Spiegel“ verriet Ferrante jüngst im Email-Interview nur: „Ich heiße Elena, ich bin eine Frau, und ich bin in Neapel geboren.“

Dort beginnt auch ihr Roman: Ausgehend von einer Mädchenfreundschaft in einem neapolitanischen Arbeiterviertel der 50er Jahre entwirft sie ein Geschichten- und zugleich Geschichtspanorama, das weibliche Auswege aus der Macho-Mafia-Männerwelt nachzeichnet – sowie die jahrzehntelangen Folgen. Am Anfang steht ein Anruf: Ich-Erzählerin Elena, die als Schriftstellerin in Turin lebt, erfährt, dass ihre Freundin Lila im Alter von 66 Jahren spurlos verschwunden ist, so, wie sie es immer wollte: „nichts von ihr sollte mehr zu finden sein“.

Das letzte Wort behalten

In Elena flammt die alte Konkurrenz wieder auf – diesmal will sie das letzte Wort behalten. Und schreibt den Roman, den wir nun lesen. Schreibt, wie Lila Elenas Puppe ins Kellerfenster warf, wie Lila Elena die Welt erklärte, sie auch in der Schule übertrumpfte – um dann doch als Hilfskraft in der Schusterwerkstatt des Vaters zu enden. Während Elena die höhere Schule besucht und so Lilas Traum erfüllt, weiter im Bann dieser Freundin, die so kompromisslos durchs Leben geht: „Lila war für jeden zuviel. Sie ließ keinerlei Raum für Sympathie.“ Am Ende des ersten Bandes wird sich Lila aus der Werkstatt in eine Ehe flüchten, weil ihr der erste Ausweg, die Bildung, verwehrt blieb.

Nein, das ist keine nostalgische Rückschau: „Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt“, heißt es. Das Gesetz der Ehre zwingt die zahllosen Protagonisten (netterweise entwirrt durch ein Personenregister) in blutige Fehden, bis hin zu den Kindern. Der Staub, der Dreck, der Lärm der Gassen prägen die Grundmelodie dieses Werks, das in der deutschen Übersetzung (Karen Krieger) durch eine zwar lebendige und bildreiche, aber nie übersteuerte Sprache überzeugt.

Übersetzung als Teil des Erfolgs

Die Frage der Übersetzung: Sie könnte vielleicht einen Teil des Erfolgs erklären. In Italien ist Ferrante seit ihren ersten Büchern bekannt, seit der Neapel-Reihe beliebt. Womöglich gründet sich ihr Welterfolg auch auf die amerikanische Übersetzung Ann Goldsteins, nicht nur, weil sie angeblich besser ist als das Original. Sondern auch, weil Goldstein in der Redaktion des „New Yorker“ arbeitet, und eben dort erschien die erste hymnische Besprechung des renommierten Kritikers James Wood. Er war maßgeblich am Ferrante-Fieber beteiligt, indem er sie mit Karl Ove Knausgård verglich: Das lustvoll epische, das authentische und (scheinbar) autobiografische, dem Gesetz der Serie folgende Erzählen eint die Beiden.

Das #ferrantefever auf Twitter

Zweifellos: „Meine geniale Freundin“ ist ein spannender, bereichernder, lebenspraller Roman, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. Wie Ferrante mit Motiven und Erzählfäden spielt, entlockt sogar Größen wie Jonathan Franzen oder Zadie Smith Anerkennung. Aber ist Elena Ferrante tatsächlich die größte Literatin des Jahrhunderts, wie die vielen Fans auf #ferrantefever von den Dächern zwitschern? Das Geheimnis um ihre Person dürfte gerade zu sehr Teil des Lesevergnügens sein, um diese Frage seriös zu beantworten.

Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Suhrkamp, 422 S., 22 €.

 
 

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