„Da scheitert jeder Gedanke an Revolution“

Philosoph Jürgen Habermas (82).
Philosoph Jürgen Habermas (82).
Den Kapitalismus zügeln oder überwinden - darum ging es auf einer Tagung in Wuppertal. Prominenter Teilnehmer: der Philosoph Jürgen Habermas.

Wuppertal. Jürgen Habermas ist eine Institution. Sigmar Gabriel und François Hollande vertrauten soeben der französischen Zeitung „Libération“ an, dass sie den bedeutenden zeitgenössischen Philosophen gern einmal besuchen würden. Nun, am Wochenende hätten sie ihn in Wuppertal treffen können. Die hochkarätig besetzte Tagung „Habermas und der Historische Materialismus“ an der Bergischen Universität wartete mit reichhaltigen Gedanken zu drängenden Fragen unserer Tage auf.

Glühende Verehrer und erbitterte Widersacher setzten sich mit dem Schaffen des heute 82-Jährigen auseinander. Sie forderten ihn zu entschiedener Gegenrede heraus, ernteten aber auch zustimmende Milde. „Da mag ich ungerecht gewesen sein“, räumte der Philosoph und Soziologe über seine frühe Zeit an der Frankfurter Schule von Horkheimer und Adorno ein. „Wir haben einen Dissens“, unterstrich er im Diskurs mit der ungarischen Philosophin Agnes Heller. Aber: „Einiges beruht auf Missverständnissen.“

Die Auseinandersetzung mit Karl Marx und dem Historischen Materialismus führte unweigerlich zur aktuellen Finanz- und Bankenkrise. Die Kernkontroverse mündet in die Frage: Lässt sich der Kapitalismus mit demokratischen Mitteln zivilisieren, oder muss man seine Überwindung anstreben? Der Oldenburger Soziologe Stefan Müller-Doohm zeichnete Habermas’ Entfernung von der Kritischen Theorie nach, wenn er den Kapitalismus „im Zaum halten“ und durch die Demokratie „in die Schranken weisen“ wolle. „Unklar“ sei, „wo die Zivilisierung des Kapitalismus ansetzen müsste“, befand Müller-Doohm und fragte, ob eine Wirtschaftspolitik denkbar wäre, die von „den Zielen Wachstum und Vollbeschäftigung Abschied nimmt“.

Auch die jüngsten Äußerungen von Habermas „zur Verfassung Europas“ nahm Müller-Doohm unter die Lupe. Habermas plädiert für ein vereinigtes Europa, von dem Impulse für eine Internationalisierung demokratischer Politik ausgehen müssten, und greift das Konzept der Weltinnenpolitik auf. Die Europäische Union müsse Wegbereiter einer kosmopolitischen Demokratie sein, die einen Gegenpol zur „Anarchie eines global entfesselten Kapitalismus“ schaffe.

Habermas bekräftigte seine scharfe Kritik an der Bundesregierung von Angela Merkel. Die beschränke sich mit dem Fiskalpakt in der Europa-Politik „auf ordnungspolitische Maßnahmen, als lebten wir in den 50er-Jahren“. Er forderte eine gemeinsame Wirtschaftspolitik und ausdrücklich auch eine Europasteuer, um „in den nächsten 20 Jahren“ eine Angleichung der nationalen Ökonomien bewirken zu können.

Was also muss das Ziel sein: den Kapitalismus überwinden oder ihn bändigen? Habermas wiegelt bei dem Zwiespalt ab. Der globalisierte Kapitalismus sei „so komplex, da scheitert jeder revolutionäre Gedanke a priori“, sagt er. Dann greift er zu einem Vergleich, der seine Haltung anschaulich macht. Da liege, sagt der große Denker, „kein Zauber darauf, der wie bei Rumpelstilzchen einfach durch das richtige Wort zu lösen ist, so dass die Freiheit sich entfalten kann“.

 
 

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