„Candide“ in Bochum - das fängt ja gut an

„Candide oder der Optimismus“ im Bochumer Schauspielhaus, Szene mit Therese Dörr (Kunigunde) und Jürgen Hartmann (Alter Candide).  Copyright (C) Thomas Aurin
„Candide oder der Optimismus“ im Bochumer Schauspielhaus, Szene mit Therese Dörr (Kunigunde) und Jürgen Hartmann (Alter Candide). Copyright (C) Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

Bochum. Anselm Weber startet seine Intendanz in Bochum mit Voltaire. Regisseur Paul Koek macht aus „Candide oder der Optimismus“ ein ungewöhnliches Bühnenerlebnis, hoch inspiriert und manchmal auf verstörend bedächtige Weise theatralisch.

Anselm Weber ist ein Optimist. Bei seinem Amtsantritt in Essen ließ er David Bösch den „Sommernachtstraum“ zersägen; jetzt, fünf Jahre später, schlägt er den Bochumern Voltaire um die Ohren. Mit schräger Geige und geilen Padres, Musikern mit Hasenohren und Rattenschwanz, ausgiebiger Kopulation; Strichmännchen, einem Mädchen mit Gummibusen, einer pinkelnden Alten.

Das ist auf grimmige Weise grell, aber auch sperrig, und der Text tut seins dazu: „Die Menschen sind nicht als Wölfe geboren, doch sie werden immer wieder zu Wölfen.“ Und das ist noch ein Satz von der harmloseren Sorte, die schlimmen gehen so: „Zwei Monate später musste Jacob geschäftehalber nach Lissabon.“ Dazu steht dieser Candide freundlich in der Gegend rum; es gibt Theaterliebhaber, denen sträuben sich bei sowas die Nackenhaare.

Auf der Bühne steht eine ziemlich komische Kiste

Doch Anselm Weber vertraut auf Paul Koek, lässt ihn einen Theaterabend gestalten, der Schauern macht und einem nichts schenkt, auch keine Begeisterung; doch er hinterlässt das klare Gefühl, dass hier etwas Großes passiert ist. Etwas, das man nicht vergessen wird. Das dem Theater neue Wege zeigen kann, weil es Sehgewohnheiten sprengt um der Sache willen.

Eigentlich sind sie natürlich verrückt, der Weber und der Koek. Voltaire! Candide! Ein Roman! Ein philosophischer! Tatsächlich wäre es kaum möglich gewesen, diesen Gedankenbrocken auf die Bühne zu bringen, hätte Paul Koek nicht tief in die surreale Kiste gegriffen. Es fängt damit an, dass eine ziemlich komische Kiste auf der Bühne steht, ein lichtes Gerüst mit einer Leinwand dahinter; wenn sie hochfährt, sieht man Berge von Krempel. Müll. Auch im Kopf. Vorn dagegen hängt säuberlich eine Gazewand, wenn sie herunterfällt, lässt sie die Menschen milchig erscheinen, und verschließt den Raum. Vielleicht gegen Einsichten.

Wer hat denn gesagt, dass Schauspieler die Hände ringen müssen?

Dann kommt einer, der sich einen Philosophen nennt, und sagt: „Die Dinge können nicht anders sein, als sie sind.“ Und fügt zur Erklärung hinzu: „Beine wurden gemacht, dass man sie behose.“ Soll der Zuschauer da weinen oder lachen? Er soll staunen. Denn in einem grandiosen Ritt durch die Philosophie zeigen Voltaire und Paul Koek, zeigen die fabelhaften Schauspieler und Musiker eine Satire, einen Comic, ein Musiktheater; Welttheater.

Nein, man muss Voltaire nicht gelesen haben, um das zu verstehen. Man muss nicht wissen, dass er sich auf den Philosophen Leibniz bezog, dessen Schlussfolgerung er in seinem Roman boshaft und geistreich geißelte: Dass dies die beste aller möglichen Welten sein müsse, da Gott sie so erschaffen habe.

Man muss nur hinsehen und sich fesseln lassen, auch wenn sie an der Rampe stehen und ins Publikum sprechen. Wer hat denn gesagt, dass Schauspieler die Hände ringen müssen? Dies hier ist hoch inspiriert und auf ungewöhnliche, manchmal verstörend bedächtige Weise theatralisch; es ist nicht leicht, sich darauf einzulassen. Doch wenn es gelingt, stimmt alles.

Hunger, Krieg, Vergewaltigung, Folter, Sklaverei

Candide, der reine Tor, hat also gelernt, dass die Welt gut sei, er erlebt alle Furchtbarkeiten; Hunger, Krieg, Vergewaltigung, Folter, Sklaverei, und bleibt doch unerschütterlich, unbelehrbar dabei: dass dies die beste aller Welten sei.

Dann kommt der gewaltige Schluss, der alles vom Kopf auf die Füße stellt. Candide findet nach allen Schrecken dieser Welt seine Kunigunde wieder: Doch die ist alt und zickig geworden. Und er selbst hat den Glauben an die wackere Vorsehung verloren. Einfach so. Da stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens neu, Candide, der eben noch glaubte, er könne die Welt kaufen, sieht sich auf sich zurückgeworfen und erkennt: Einen Sinn gibt es, vielleicht, nicht. Aber Arbeit hilft gegen Langeweile und Sorgen. Und Kunigunde wird eine erstklassige Zuckerbäckerin. Ist das vielleicht nichts?

Der Sinn des Lebens auf dem Theater - Anselm Weber ist ein Optimist. Zu Recht. Das Bochumer Publikum liebt alle seine Intendanten, aber solchen Jubel hätte es nicht geben müssen. Nicht, wenn die Botschaft nicht angekommen wäre: Lasst uns zusammen nachdenken. Lasst uns zusammen Theater genießen.

Das fängt ja gut an.

 
 

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