Büchner wäre bei „Occupy“

Jens Dirksen
Das „Büchner“-Projekt von Falk Richter am Düsseldorfer Schauspielhaus
Das „Büchner“-Projekt von Falk Richter am Düsseldorfer Schauspielhaus
Foto: Sebastian Hoppe
Langer Jubel für Falk Richters neue Szenen-Collage am Düsseldorfer Schauspielhaus: 90 Minuten Kurzweil mit einer Analogie, die wenig überzeugt: Büchners Revolte und Resignation im Biedermeier hier – und die Ohnmacht der Bürger in Zeiten der immer weniger gebremsten Herrschaft des Kapitals.

Düsseldorf.  Theater könnte der Versuch sein, die Komplexität einer Gesellschaft auf Konflikte zwischen Menschen zu reduzieren, um das Dickicht der Welt ein wenig durchschaubarer zu machen. So ein Theater wäre geradezu dramatisch. Doch auf unseren Bühnen ist längst das „postdramatische“ Zeitalter angebrochen. Charaktere? Kann man doch nicht mehr machen! Konflikte? Sind doch „old school“! Stücke, Weltmodelle gar? Ach was, Stückwerk reicht. Der Zuschauer ist mündig und wird sich den Abend schon zurechtdenken.

Immerhin, die Abende von Falk Richter langweilen nicht. Dazu macht der Hausregisseur des Düsseldorfer Schauspielhauses auch bei seiner neuen „Büchner“-Collage, die am Samstagabend eine umjubelte Premiere feierte, zu viel gutes Tempo auf der Bühne, dazu wechseln auch doppelbödige Monologe und Kabarett-Einlagen, großartige Überwältigungs-Bühnenbilder und die allzu stimmige Musik zu munter, als dass in den gut 90 Minuten schlechte Stimmung aufkommen könnte.

Das Dasein als notwendige Last

Es beginnt mit dem Anfang von Büchners „Lenz“-Erzählung, und es endet mit ihrem Ende: „es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine notwendige Last. – So lebte er dahin.“ Dazwischen: Szenen aus Büchners „Woyzeck“, Fetzen aus „Danton’s Tod“ und Büchner-Briefen. Ferne: Nachrichten und Thesen aus der „Occupy“-Bewegung, die ja ähnlich im Nichts verläuft wie die Revolution, die Büchner mit seinem „Hessischen Landboten“ anzuzetteln versuchte.

Heute bürgen und bezahlen die Bürger Europas für den freien Fluss von Kapital und dessen ungebremste Verzinsung - während sie selbst die Erfahrung machen, dass Geld auch verrotten kann. Die „marktkonforme“ Zurichtung unserer bürgerlichen Demokratien lässt ihre politische Gestaltungskraft rapide schwinden, weil sie unablässig damit beschäftigt sind, übergriffige Kapitalmärkte zu beschwichtigen; aber das hat mit Büchners Restaurations-Epoche ungefähr so viel zu tun wie die Zügel einer Postkutsche mit dem Gaspedal eines Porsche.

„Wer das Geld hat, hat die Macht...“

Immerhin bietet der Abend grandiosen Schauspielern von Judith Rosmair und Xenia Noetzelmann bis Aleksandar Radenkovic und Thomas Wodianka die Gelegenheit, die Steuerflüchtlinge im Publikum zu beschimpfen und unter dessen Gelächter alte Sponti-Parolen wie „Wer das Geld hat, hat die Macht, bis es unterm Auto kracht“ loszulassen. Ansonsten aber müssen sie sich leider allzu oft damit begnügen, als Textflächen auf zwei Beinen herumzulaufen, deren Mehrdimensionalität bloße Behauptung bleibt.

Büchner, der blitzgescheite James Dean des Biedermeier, formte mit seiner „Lenz“-Erzählung noch eindringliche Bilder für seine Ohnmacht vor der Geschichte, bevor er 1837 mit 23 Jahren starb, als hätte er Jakob Michael Reinhold Lenz beim Wort genommen: „Ich aber werde dunkel sein und gehe meinen Weg allein“. Andere aber waren helle und gingen ihren Weg gemeinsam: Elf Jahre später brach in Berlin und Wien die erste deutsche Revolution aus; und wenn die deutschen Bürger damals nur weniger harmoniesüchtiger und obrigkeitshörig gewesen wären, hätte sie auch gelingen können.

Termine: 22. u. 31. Oktober, 1., 4., 9., 22. u. 23. November. Karten (15-49 Euro): 0211/ 369911 www.duesseldorfer-schauspielhaus.de