Bombig amüsiert im Theater Dortmund

Zur Millionen-Hatz gibt’s auch ‘ne Plauder-Couch: Szene mit Frank Genser, Uwe Schmieder, Julia Schubert und Eva Verena Müller.
Zur Millionen-Hatz gibt’s auch ‘ne Plauder-Couch: Szene mit Frank Genser, Uwe Schmieder, Julia Schubert und Eva Verena Müller.
Foto: Theater Dortmund
Im Theater Dortmund wird das zynische „Millionenspiel“ wieder angekurbelt – 45 Jahre, nachdem es als Fernsehfilm empörte und als große cineastische Stimulierung des Theaters.

Dortmund.  Als vor nun schon 45 Jahren der Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ über den Bildschirm ging, da wirkte das wie eine Provokation. In eine Zeit des noch sehr gesitteten öffentlich-rechtlichen Rundfunks platzte der Autor Wolfgang Menge da plötzlich mit der Bearbeitung einer unerhörten Science-Fiction-Kurzgeschichte aus den USA. Sie prognostiziert ein Unterhaltungsfernsehen, das im Krieg der Quoten auch nicht mehr davor zurückschrecken werde, Kandidaten um ihr Leben laufen zu lassen, gejagt von Killerkommandos, gelockt von riesigen Gewinnprämien. Nach all dem, was uns die Privatkanäle inzwischen an Unsäglichem zumuten, verwundert es doch ein wenig, dass Hausherr Kay Voges am Theater Dortmund nun den alten Gaul noch einmal sattelt. Mit der „Die Show“ (meint: Todesshow) wuchtet er eine Art „Millionenspiel reloaded“ als dreistündiges Entertainment auf die Bühne.

Inhaltlich hat sich nicht gerade viel verändert im Vergleich zum Original. Der Todeskandidat (Sebastian Kuschmann) heißt noch immer Bernhard Lotze, aus den Jägern der einstigen Köhler-Bande ist ein dreiköpfiges Killerkommando samt Psychopath (Björn Gabriel) geworden. Die Torturen, denen der Kandidat im Laufe seines Sechs-Tage-Rennens ausgesetzt wird, von der Hundeattacke im finsteren Tunnel bis zum barfüßigen Ausharren auf einem Eisblock, sind zwar ein wenig perfider angelegt. Doch erst am Ende befreit man sich ganz von der Vorlage, wenn Lotze sich schließlich selbst bewaffnet, eine Geisel das nicht überlebt und die Regeln des Spiels damit durchbrochen sind. Zur Strafe muss der geschundene Proband sich schließlich auch noch einem Russisch-Roulette-Spiel stellen.

Enorm aufwändig produziert

Interessanter als der ohnehin bekannte Stoff aber ist der ungemeine Aufwand, den Voges mit dieser Produktion treibt, um den Fernseh-Shows von heute zu entsprechen. Das komplette 16-köpfige Ensemble ist hier vertreten, eine sechsköpfige Band sorgt für den glatten Musikteppich, unentwegt tauchen skurrile neue „Stargäste“ in verschwenderischen Kostümen auf, singen ihren letzten Hit und werden danach aufs Sofa gebeten. Moderator Bodo Aschenbach (Frank Genser) erinnert in seiner Körpersprache vage an Markus Lanz, Kollegin Ulla (Julia Schubert) gibt die holländische Trösterin. Und wie sich das gehört für ein menschenverachtendes Programm wie dieses, wird Lotzes Mutter Elisabeth (Uwe Schmieder) nur deshalb vorgeführt, weil sie beim Wechsel von Ost nach West eine Geschlechtsumwandlung hat vornehmen lassen.

Für all die Rückblende-Aufnahmen, die Lotzes Leidensweg in Film- und Videosequenzen nachzeichnen, wurde eigens der renommierte Kameramann und Lichtdesigner Voxi Bärenklau engagiert. Womit Kay Voges wieder einmal demonstriert, wie sehr ihm die cineastische Stimulierung des Theaters am Herzen liegt. Seine eigenen Inszenierungen sind ohne visuelle Bilder kaum noch zu haben. Das Ergebnis kann dann mal ein kompletter Film sein wie „Einige Nachrichten an das All“ oder eine glückliche Kombination von Bühne und Video wie „Das Fest“. Für das Dortmunder Haus ist diese Verzahnung, eigens in einem Manifest festgehalten, inzwischen zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden. Ebenso wie die große Zahl an selbstkreierten Stücken oder wagemutigen Bearbeitungen.

Dem Schrecken folgt: Begeisterung

Die letzte Spielzeit allerdings hat erstmals in der Ära Voges so gar keinen überzeugenden künstlerischen Erfolg im Großen Haus hervorgebracht. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass der Hausherr sich nun mit zwei Ko-Autoren an die „Die Show“ mit ihren flockig-zynischen Dialogen begeben hat. Beim Publikum jedenfalls funktioniert der lange Abend bombig, man klatscht auf Kommando und schwenkt die Glühfäden, am Ende regiert die pure Begeisterung im Angesicht des Schreckens. Der zaghafte Versuch, den fliehenden Lotze noch in Verbindung zu bringen mit den derzeitigen Flüchtlingsströmen, geht da völlig unter.

 
 

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