Bochumer Schau erzählt „Einfach anders“ von Jugendbewegungen

Britta Heidemann
Konfrontation der Generationen - eine Konstante der Geschichte
Konfrontation der Generationen - eine Konstante der Geschichte
Bochums Zeche Hannover erzählt derzeit in vielen Geschichten von der Kultur der Jugendbewegung . Es sind Stationen, die von den „Wandervögeln“ bis zu jungen Bürgern auf den Barrikaden reichen. Keine Generation war ohne Protestpotenzial.

Bochum. Jeder Jugendliche ist ein Rebell, anders als alle anderen – dies aber gerne in Gemeinschaft. Wenn eine Schau in der Bochumer Zeche Hannover nun das Credo des „Einfach anders!“ der Jugendbewegungen auf verblüffend verbindende Nenner bringt, dann zeigt sie ebenso, welche Art des Rebellentums auf Revierboden besonders gut gedieh – und warum.

Ein Jahrhundert ist es her, dass die Wandervögel im Revier sich zur „Strahlenfahrt in die Steinbrüche“ trafen oder auch zum „Klampfenabend“: Geburtsstunden der ersten Jugendbewegung. Kurz darauf sollten die Wandervögel Ortsgruppen im Feld bilden. Um später, ebenso wie die anrüchige Jazz-Jugend, die wilden Swing-Kids, ins Visier der Nazis zu geraten. So erinnert sich Kurt Piehl, einer von sechzig „Edelweißpiraten“ im Dortmunder Norden: „Wir sangen hoch verräterische Lieder und prügelten uns mit der HJ“ – in die er am Ende aber doch „eingewiesen“ wurde.

Suchen und Finden von Nischen

Das entschieden Widerständige, das Suchen und Finden von Nischen, es ist ein Merkmal der Revierjugend, teils beseelt von linken, gar kommunistischen Traditionen. Doch auch die Halbstarken der 50er-Jahre waren hier ein wenig halbstärker als anderswo – und, dank harter Maloche, früh mit Luxusgütern wie knatternden Mofas ausgestattet.

Gingen sie damals noch zu Hunderten „Bambule“ machen, zog die 68er-Bewegung am Revier vorbei: Strukturwandel statt Studentenprotest bewegte die Region. Oder waren die Revier-Unis schlicht zu jung für Muff? Kleine Ehrenrettung: Die Begegnung des Studentenführers Rudi Dutschke mit dem aufstrebenden Landespolitiker Johannes Rau, im Februar 1968 in der Wattenscheider Stadthalle, lockte 2000 Zuschauer.

Subkulturen aller Art

Die Kohlekrise aber machte das Ruhrgebiet dann zur blühenden Landschaft für Subkulturen aller Art. Die Heavy-Metal-Bewegung trägt das Metall schon im Namen – in der Szene sind die Revierbands heute weltberühmt. Aber auch die Punks und Hausbesetzer, die in den 80ern die Metropolen-Jugend prägten, fanden im Revier größere Spielwiesen als anderswo: In alten Industriebauten gründeten sich Zentren wie das Zentrum Altenberg in Oberhausen, die Zeche Bochum, die Zeche Carl in Essen.

Punk im Revier

Zugleich befeuerte die Revier-Mentalität das punkige Selbstverständnis: „In einer Region, in der man ans Zupacken gewöhnt war, fiel das Do-it-yourself-Prinzip auf besonders fruchtbaren Boden“, sagt Ausstellungsmacher Dietmar Osses, der mit seinem Team Zeitzeugenberichte, Fotos und Fundstücke zusammengetragen hat. Das Ehrliche, Direkte nennt Hannes Schmidt von der Band The Idiots als weiteren gemeinsamen Nenner – und meint, auch dies wollen wir mal nicht verschweigen: „Das Ruhrgebiet hat genau den Schmutz und Dreck, der Punk ausmacht.“

Und heute? Die vielen Zuwanderer des Reviers haben eine lebendige Rap- und HipHop-Szene geschaffen, die sich mit urbanen Straßentänzen aller Art vermischt. Zugleich schlagen die vielen Retro-Bewegungen einen Salto rückwärts, im Falle der großen Neo-Rockabilly-Szene buchstäblich. Und auch die nostalgischen Steampunker mit ihrem Faible fürs 19. Jahrhundert, für Zahnrädchen und Dampfmaschinen und für die Zukunft von Gestern, toben sich auf der großen Brachfläche der einstigen Industrialisierung aus: und demonstrieren bastelnd gegen das Konsumverhalten unserer Zeit.

Alles Rebellen - den Falten zum Trotz

Dass im Steampunk die Jugend gerne auf die Do-it-yourself-Erfahrungen der Älteren zurückgreift, dass dies gar keine Jugendbewegung ist, spiegelt zugleich einen Trend. Die „Jugend“ bezeichnet heute keine Übergangsphase mehr. Sondern ein Ideal für alle Generationen, eine Geisteshaltung eher denn eine Altersfrage: Wir alle sind Rebellen – den Falten zum Trotz.