Bochum bringt Max Frischs „Stiller“ auf die Bühne

„Stiller“ nach Max Frisch. Szene mitTherese Dörr (Julika Stiller-Tschudy) und  Damir Avdic (Anatol Ludwig Stiller)
„Stiller“ nach Max Frisch. Szene mitTherese Dörr (Julika Stiller-Tschudy) und Damir Avdic (Anatol Ludwig Stiller)
Foto: Hans Jürgen Landes
Verdienstvoll, aber auch hürdenreich: Am Schauspielhaus Bochum überträgt Eric de Vroedt Max Frischs Roman „Stiller“ auf die Bühne. Ein Teilerfolg.

Bochum.. Klassische Romanstoffe fürs Theater fit zu machen, ist auf deutschen Bühnen seit einer Weile in Mode. Doch an das Selbstfindungsdrama „Stiller“ von Max Frisch, der heute vor 25 Jahren gestorben ist, haben sich bislang nur wenige getraut.

Am Bochumer Schauspielhaus stellt sich Regisseur Eric de Vroedt dem legendären Roman tapfer. Wie sehr er allerdings mit dem 450-Seiten-Wälzer des Schweizer Oberstufenschrecks gekämpft haben muss, ist der knapp dreistündigen Aufführung anzusehen.

Frischs Durchbruch

Sein Roman „Stiller“ aus dem Jahr 1954 verhalf Max Frisch zum Durchbruch. Am Beispiel des mysteriösen Bildhauers, der in einem Züricher Gefängnis landet, weil er Stein und Bein schwört, keinesfalls der gesuchte Herr Stiller zu sein, machten sich Generationen von Primanern Gedanken über Freiheit und Verantwortung.

Wie frei darf ein freier Mensch wirklich sein? Für Stiller war die Frage klar: Er ließ seine lungenkranke Frau Julika zurück und setzte sich schließlich als James Larkin White in die USA ab. Doch es gibt kein Mitleid mit dem Mann, der nicht er selbst sein will.

„Ich bin nicht Stiller!“

„Ich bin nicht Stiller!“ Dieser berühmte Satz steht auch im Mittelpunkt der Bochumer Aufführung. Dabei bedienen sich de Vroedt und Autor Reto Finger gleich mehrerer, gewagt anmutender Kunstgriffe: Auf den Ich-Erzähler verzichten sie komplett und lassen weite Teile der Handlung lediglich nacherzählen, wodurch eine Menge Ironie, die dem Roman inne wohnt, verloren geht. Auch dass viele Figuren um Stiller herum – vom Gefängniswärter bis zum Anwalt – hart an der Grenze zur Karikatur gezeichnet sind, irritiert mächtig.

Die Idee, die Geschichte mithilfe gleich zweier Stillers zu erzählen, erweist sich indes als kluger Schachzug. Michael Kamp ist der ältere, Damir Avdic der jüngere. Beide tragen den gleichen Anzug, sprechen bisweilen sogar gleichzeitig. Vor allem Kamp spielt das souverän: als gebrochenen Mann, der gegen sein Schicksal rebelliert. Wenn er seinem jüngeren Ich dabei zusehen muss, wie die Ehe mit Tänzerin Julika in die Brüche geht, sind das berührende Momente.

Therese Dörr ist die Entdeckung des Abends

Die Entdeckung des Abends ist Therese Dörr. Ihre Julika ist anmutig und nervtötend zugleich, ein fahles, hysterisches Wesen, das der junge Stiller nie zu fassen kriegt. So flüchtet er sich schließlich zur weitaus bodenständigeren Sibylle (Bettina Engelhardt), die mit Staatsanwalt Rolf (stark: Matthias Redl-hammer) verheiratet ist – eine tragische Vierecks-Beziehung.

Sinnfällig zeigt Eric de Vroedt das Spiel auf einer imposanten, knapp 20 Meter hohen Bühne von Maze de Boer, die aus grauen Gefängnismauern besteht. Grell aufflackernde Video-Clips sollen das Chaos im Kopf des Protagonisten unterstreichen, dazu kommen Jazz- und Walzerklänge. Das ist dick aufgetragen und ein bisschen kitschig, aber edel gemacht.

 
 

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