Bilderbogen-Reise zum Abschluss von Ruhr.2010

Ruhr.2010-Finale in Gelsenkirchen. Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPoool
Ruhr.2010-Finale in Gelsenkirchen. Foto: Ilja Höpping / WAZ FotoPoool
Foto: WAZ FotoPool

Gelsenkirchen.. Es begann mit einem Wintermärchen auf der Zeche Zollverein – und es endete mit einem Wintermärchen, Teil II, auf der Gelsenkirchener Zeche Nordstern: Die Abschlussfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 wurde zum Abend der Erinnerungsbilder.

Es begann in Sturm und Kälte, mit einem Wintermärchen auf der Zeche Zollverein – und es endete mit einem Wintermärchen, Teil II, auf der Gelsenkirchener Zeche Nordstern: Die zentrale Abschlussfeier der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 wurde zum Abend der Erinnerungsbilder. Hoch oben, wo er wie ein entlaufenes Wichtelmännchen wirkt, wandte der umstrittene Blaubart-Herkules von Markus Lüpertz dem Festtreiben seine Kehrseite zu.

Der mit Lichterketten umkränzte Nordstern-Förderturm sah ein Multimedia- und Tanzspektakel – und er hörte die schmeichelhaften Lobeshymnen der Großkopferten aufs Ruhrgebiet, von NRW-Landeschefin Hannelore Kraft, Gelsenkirchens Stadtoberhaupt Frank Baranowksi, Umweltminister Norbert Röttgen, dem Essener Stadtoberhaupt Reinhard Pass und nicht zuletzt von Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen, der feststellte: „Die europäische Jury konnte keine bessere Entscheidung treffen als das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt Europas 2010 zu erklären. Die Menschen hier haben daraus eine Bürgerbewegung der Kultur gemacht!“ Am Ende der Show ernannte Pleitgen die „lieben Ruhris“, die bei Temperaturen von bis zu -5 Grad ausharrten, zu „Polarbären“ ehrenhalber: „Glück Auf!“

Kein Abklatsch der Eröffnungsfeier

Ein ganzjähriger „Kühlkreislauf“ sei das eben, hatte der schlagfertige Ruhr.2010-Sprecher Marc-Oliver Hänig gewitzelt. Die schweißtreibenden Tropentemperaturen unter Tage, die Gluthitze am Hochofen – die alten Bilder sind längst abgelöst von jenem Schnee, Frost und Eis, der den Ruhri auch nicht davon abhalten kann, auf Kultur zu machen. Aber die Abschlussparty sollte keinen Abklatsch der Eröffnungsfeier bieten, hatte Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen als Parole ausgegeben. Wie am 9. Januar führt auch diesmal Folkwang-Professor Gil Mehmert Regie – und diesmal hätte er eigentlich nicht mehr auf die alten Stahl- und Kohle-Bilder des Reviers zurückgreifen müssen, um sie tanzen zu lassen.

Mehmert schickt ein multimediales Fantasieschiff auf die Reise, dessen Mannschaft aus Musikern und Akrobaten eine Bilderbogen-Reise durch das Jahr 2010: Highlights wie die Eröffnung, Schachtzeichen, Still-Leben, Rheingold und Sing! Selbst der Schatten der Loveparade-Katastrophe bleibt nicht ausgespart. Am Ende donnerten noch einmal die von der Eröffnung auf Zollverein vertrauten Mega-Feuerspucker vor der Bühne, waren Feuer und Flamme fürs Revier, ein Grubenorchester war selbstverständlich auch mit von der Partie. Und doch hätte man sich vielleicht noch mehr vom gewandelten Ruhr-Bild wünschen können, dass die jungen Breakdancer am Schluss verkörperten, die mit den alten Klischees nichts mehr am Hut haben und der Kälte mit furiosen Figuren trotzen. So oder so, noch einmal stieg an diesem Abend in der Rückschau die Ahnung auf, dass hier etwas Großartiges, zumindest aber etwas Großes zu Ende ging.

Zechenkomplex Nordstern präsentierte sich in Hochform

Die 5000 Festgäste, die sich rechtzeitig die limitierten Final-Karten besorgt hatten, erlebten den Zechenkomplex Nordstern in Hochform, vier „Schachtzeichen“-Ballon waren aufgestiegen, zwei davon illuminiert, so dass sie in der Dunkelheit jene Wärme ausstrahlten, die Menschen des Reviers gerade bei diesem Projekt im Sommer verspürt hatten. Die Brücken über die Emscher waren ebenfalls illuminiert, und sogar das Ufer des zur Abflussrinne domestizierten Gewässers wurden dank des Schnees im Schein der wechselnd bunten, klug aufgesteckten Lichter zur Leinwand für unvergessliche Farb- und Schattenspiele: Auf dem ganzen Gelände zückten die Menschen unablässig ihre Kameras – und diesmal nicht so sehr, um zu zeigen, dass sie dabei waren, sondern weil es einmalige, beeindruckende Bilder waren. Von der toleranten Weltoffenheit der Ruhris zeugte schließlich der Imbissbuden -Stand in der Mitte, der tatsächlich „Original Berliner Currywurst“ feilbot.

Nicht nur in Gelsenkirchen wurde gefeiert, sondern auch in Essen an der Zeche Zollverein, wo Ruhr.2010 im Gegensatz zum Auftakt diesmal mit Edel-Kultur feierte, und ebenfalls mit Video-Rückblicken auf das Jahr. Auch hier stiegen noch einmal „Schachtzeichen“-Ballons auf und erinnern an ein Projekt, das wie so viele der besseren Kulturhauptstadt-Projekte einen unerwarteten Dreh durch massenhafte Beteiligung der Menschen zwischen Ruhr und Emscher bekam.

Das Ruhrgebiet hat sich als Einheit erfahren

Ohnehin werden es wohl die Spektakel mit Massen sein, die von Ruhr.2010 in Erinnerung bleiben werden – bei den Massen. Ansonsten gab es ja über 5600 Kulturereignisse, von denen die meisten eben nicht zehntausende, sondern ein paar hundert Besucher hatten. Es wird dabei gewiss nicht weniger qualitätvolle Kultur geboten worden sein als bei den Highlights – zumal der künstlerische Wert etwa der eigens im Auftrag der Kulturhauptstadt von Hans Werner Henze geschriebenen Oper „Gisela“ gelinde gesagt umstritten war. Eine ganz andere, gemeinschaftsstiftende Funktion von Kultur stand während des Hauptstadt-Jahrs im Vordergrund: Sowohl bei den zahllosen „Twins“-Projekten mit den europäischen Partnerstädten der 53 Revier-Kommunen als auch bei einem Massenereignis wie der A40-Sperrung am 18. Juli.

Das Ruhrgebiet hat sich dabei als Einheit erfahren, die eine Gelegenheit beim Schopfe packt, sobald sie sich bietet. Das könnte eine Erfahrung sein, die stilbildend wäre – wenn, ja wenn nicht der fast schon natürliche Egoismus der Städte wäre, der wohl wieder ausbrechen wird, wenn nicht alsbald ein neues gemeinsames Ziel vor Augen steht, so wie bei dem berühmten Esel, der nur durch ständiges Vorhalten einer Karotte in Marsch setzt.

„Das ist aber grün hier!“

Gelungen ist der Kulturhauptstadt jedenfalls der Imagewandel nach draußen, wo das Bild von den fliegenden Briketts zwischen Fördertürmen und glühenden Hochöfen immer noch vorherrschend war – sonst hätten ja nicht so viele Besucher des Reviers so oft den Satz von sich gegeben, den der Ruhri schon nicht mehr hören kann: „Das ist aber grün hier!“

Jetzt ist es nicht nur bunt hier, sondern man glaubt es auch noch, und das auch jenseits von Hamm und Hünxe. Die Kulturszene des Reviers hat es allerdings nur bedingt vorangebracht – neue Erfahrungen hat vor allem das Kulturmanagement, die Kulturverwaltung gesammelt.

Melez-Zug brachte nur wenig Menschen zusammen

Viel zu spät hat sich Ruhr.2010 auf die Suche nach den hier wachsenden und gewachsenen Mischkulturen mit Migranten-Anteil gemacht, viel zu viel Symbolik war auf diesem Feld der Kulturhauptstadt auf dem Programm – der Melez-Zug brachte nur Menschen zusammen, die ohnehin schon überzeugt davon waren, dass die Vielfalt der Kulturen zwischen Emscher und Ruhr ein Gewinn ist. Kein Wunder, dass bei der Eröffnungsfeier nichts davon zu sehen war – und auch beim Finale viel zu wenig. Von der viel beschworenen, letztlich aber höchst virtuellen Kulturwirtschaft einmal ganz zu schweigen.

 
 

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