Biene Maja beim Barbier von Sevilla

Insektös: Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ an der Düsseldorfer Rheinoper, Regie: Claus Guth
Insektös: Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“ an der Düsseldorfer Rheinoper, Regie: Claus Guth
Foto: Hans Jörg Michel/Rheinoper
Gepolter und flache Gags, Stimmung wie auf einem Kindergeburtstag: Claus Guth tut sich an der Rheinoper schwer mit dem Leichtsinn von Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“. Eine vertane Chance angesichts des exzellent disponierten Sänger-Ensembles.

Düsseldorf.. Keine leichte Sache mit der leichten Muse: Der luftig leichte Esprit der italienischen Buffa-Traditionen von Rossinis „Barbier“ bis Verdis „Falstaff“ wird auf deutschen Bühnen nur selten getroffen. Selbst renommierte Regisseure wie Claus Guth und erfahrene Dirigenten wie Axel Kober tun sich mit dem Genre denkbar schwer, wie jetzt die Neuinszenierung von Rossinis geistvoll-spritzigem Geniestreich „Il Barbiere di Siviglia“ an der Deutschen Oper am Rhein im Düsseldorfer Opernhaus zeigte. Guth versucht überdrehten Klamauk mit entwicklungsgeschichtlichem Tiefsinn zu verknüpfen und gerät auf beiden Gleisen in die Irre. Generalmusikdirektor Axel Kober fand in der Premiere von der verwackelten Ouvertüre bis zu den spannungslos verpuffenden Finali nie den schwingenden, federleichten Tonfall Rossinis. Auf der Bühne wie im Orchestergraben wird zu oft mit dem Säbel und zu selten mit dem Florett geschwungen.

Märchenstimmung

Guths Überlegung ist durchaus originell. Im ersten Akt zappeln alle Figuren wie imaginäre Insekten im Spinnennetz unerfüllter Wünsche und realer Konventionen. Und das ist wörtlich zu verstehen. In wunderschönen Kostümen und Bühnenbildern von Christian Schmidt startet der Abend wie eine Verbeugung vor tierischen Ikonen wie der „Biene Maja“ oder der „Raupe Nimmersatt“. Graf Almaviva erscheint wie der dicke Bruder der berühmten Bienendame, Rosina schwebt als elfengleicher Schmetterling ein, der verschlagene Basilio schleicht sich als giftgrüne Fruchtfliege ein und der besitzergreifende Bartolo knüpft als dickes Spinnentier seine Netze. Überdimensionale Blüten wie aus „Alice in Wonderland“ verbreiten eine märchenhaft lucide Stimmung, die der Regisseur leider nicht aufgreift, indem er mit viel Gepolter und flachen Gags die burleske Handlung vom ersten Takt an oberflächlich überdreht. Damit fehlt der Raum für eine Steigerung zum explosiven Finale des ersten Akts, in dem die verkorksten Beziehungen zwischen den Figuren die gesellschaftliche Ordnung mit anarchischer Dynamik aus den Angeln heben. Letztlich hat so der erste Akt mehr mit einem kunterbunten Kindergeburtstag gemein als mit Rossinis feinsinnigen Irrungen und Wirrungen menschlicher Gefühle und Illusionen.

Es liegt nicht an den Tempi

Im zweiten Akt erscheinen die Figuren in menschlicher Gestalt, behalten aber ihre animalischen Bewegungsmuster bei. Ein Mehr an psychologischer Sensibilität wird dadurch nicht erreicht, zumal die Figuren am Ende wieder zu Insekten mutieren. Dass Claus Guth sein Handwerk versteht, lässt sich nur an etlichen Details in der Personenführung erkennen. Das allerdings reicht nicht aus.

Axel Kober tut mit den recht steif spielenden Düsseldorfer Symphonikern zu wenig, um musikalisch für jenen prickelnden Drive zu sorgen, den die Inszenierung vermissen lässt. Es liegt nicht an den Tempi, dass die Musik nicht in Schwung kommen wollte, sondern an der zu schwerfälligen Phrasierung. Schade für das durchweg vorzüglich besetzte Ensemble. Dimitri Vargin verkörpert einen physisch wie stimmlich strahlenden, quicklebendigen Figaro und Lena Belkina als Rosina ziert die Bühne in ihrem schillernden Schmetterlings-Outfit als Ohren- und Augenweide. Erstklassig bewältigt Romana Noack de kleine Rolle der Berta. Mit intriganter Verschlagenheit gestaltet Sami Luttinen den Basilio. Grobschlächtiger, wenn auch mit unbändiger Spielfreude, nähert sich Bruno Balmelli der Partie des Bartolo. Stimmlich unausgeglichen und ohne verführerischen Schmelz blieb José Manuel Zapata hinter dem hohen Standard zurück.

Schade für eine verpasste Gelegenheit. Mit diesem Ensemble ließe sich ein besserer „Barbier“ realisieren. Und Claus Guth hat sich auf dem Terrain der komischen Oper mächtig verstolpert.

Das Premieren-Publikum reagierte sehr differenziert auf die Leistungen der Künstler. Durchweg starker bis begeisterter Beifall für die Sänger, mäßige Reaktionen auf den Dirigenten und kontroverse Buh- und Bravo-Salven für das szenische Team.

Die nächsten Aufführungen im Düsseldorfer Opernhaus: am 7., 14., 20. und 29. Dezember sowie am 5., 22. und 29. Januar. (Tickets und Infos: www.deutsche-oper-am-rhein.de).

Dabei ist Guths Überlegung durchaus originell. Im ersten Akt zappeln alle Figuren wie Insekten im Spinnennetz unerfüllter Wünsche und realer Zwänge. In wunderschönen Kostümen und Bühnenbildern von Christian Schmidt startet der Abend wie eine Verbeugung vor Ikonen wie „Biene Maja“ oder „Raupe Nimmersatt“. Graf Almaviva erscheint wie der dicke Bruder der berühmten Biene, Rosina schwebt elfengleich als Schmetterling herbei, der verschlagene Basilio schleicht sich als giftgrüne Fruchtfliege ein und der besitzergreifende Bartolo knüpft als dicke Spinne Netze. Überdimensionale Blüten wie aus „Alice in Wonderland“ verbreiten eine märchenhaft feine Stimmung, die der Regisseur leider nicht aufgreift, indem er mit viel Gepolter und flachen Gags die Handlung oberflächlich überdreht. Damit fehlt schon der Raum für eine Steigerung zum explosiven Finale des ersten Akts, in dem die verkorksten Beziehungen zwischen den Figuren die gesellschaftliche Ordnung mit anarchischer Dynamik aus den Angeln heben.

Axel Kober tut mit den recht steif spielenden Düsseldorfer Symphonikern zu wenig, um musikalisch für jenen prickelnden Drive zu sorgen, den die Inszenierung vermissen lässt – dazu geriet die Phrasierung zu schwerfällig.

Schade für das vorzüglich besetzte Ensemble. Dimitri Vargin verkörpert einen strahlenden, quicklebendigen Figaro, Lena Belkina als Rosina ziert die Bühne in ihrem schillernden Schmetterlings-Outfit als Ohren- und Augenweide. Erstklassig bewältigt Romana Noack die Rolle der Berta, mit intriganter Verschlagenheit gestaltet Sami Luttinen den Basilio. Mit diesem Ensemble ließe sich ein besserer „Barbier“ realisieren. Das Premieren-Publikum spendete durchweg starken bis begeisterten Beifall für die Sänger, mäßigen für den Dirigenten und kontroverse Buh- und Bravo-Salven für das szenische Team.

 
 

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