Bewerben für die Revolution

Köln. Im März 2009 kommt das Musical "Chevolution" als Weltpremiere nach Bochum. Daniela aus Bochum und Martin aus Köln wollen dabei sein - als Darsteller. Vor einer Jury mussten sie dafür singen, sprechen und - Limbo tanzen. DerWesten hat sie zur Audition begleitet.

In diesem Jahr hätte er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Knapp 40 Jahre nach seinem Tod, wartet auf den legendären argentinischen Guerillaführer Ernesto Che Guevara nun eine neue Herausforderung, er „steht kurz davor, die Welt des Musicals zu revolutionieren“ – zumindest, wenn es nach den Machern von „Chevolution“ geht. Das Stück soll am 12. März 2009 in der Bochumer Jahrhunderthalle Weltpremiere feiern.

„Nervös bin ich nur ein bisschen“, Daniela Günther ist eine von 30 Kandidaten, die in Köln vorsingen, vorsprechen und vortanzen wird. Die Bochumerin will Teil des Ensembles von „Chevolution“ werden - die Darsteller-Castings, die „Auditions“, wie es im Jargon heißt, laufen seit Beginn der Woche. Glücksbringer hat die 27-jährige Blondine keine dabei, „abergläubisch“ ist sie nicht, sagt sie, dafür aber zuversichtlich.

Auditions in Köln, München und London

„Authentisch, ehrlich, kritisch“ will Regisseur Uwe Schwarz die Dialoge von Autorin Franziska Steof und die Musik von Komponist Thomas Zaufke dafür inszenieren. Mit insgesamt 28 Sprach- und Gesangsrollen. Auf die haben sich allein in Hamburg und Köln 850 Kandidaten beworben – per Internet. Weitere Auditions finden in München und London statt. Nach einer ersten Vorauswahl, getroffen vom Produktionsteam, sind noch knapp 400 übrig und wurden eingeladen.

Wie Daniela. Es ist Dienstag, kurz nach elf. Sie stellt zwei große Taschen im provisorischen Warteraum im Foyer der Kölner Tanzschule van Hasselt ab – dort, wo an diesem Tag vielleicht ein Bühnen-Revolutionär gefunden wird. Daniela bewirbt sich nicht gezielt auf eine der Hauptrollen, sie sucht eine neue künstlerische Herausforderung, sei es auch ein kleinerer Part im Ensemble, zur Zeit steht sie regelmäßig im Bottroper Movie Park auf der Bühne.

Im Gepäck hat Daniela neben „ganz viel Wasser“ und einem sportlichen Tanzoutfit auch Noten. „Man brauch’ mindestens eine Up-Tempo-Nummer und eine Ballade“, sagt sie. „Holding out for a hero“ von Rock-Röhre Bonnie Tyler und „Save the best for last“ von Popdiva Vanessa Williams hat sich Daniela, selbst ausgebildete Sängerin und Bühnentänzerin, ausgesucht. Eingesungen hat sie sich schon - „ein Grund, warum ich gern mit dem Auto zu Auditions fahre.“ Die Blondine ist gelassen, ganz Profi.

Achtung- - Pressebegleitung!

Um Daniela herum hat bereits die Konkurrenz auf dem dunklen Bistro-Mobiliar Platz genommen, knapp 30 andere sind an diesem Tag gekommen, die Bochumerin erkennt bekannte Gesichter. In dem schmalen Raum gibt eine kleine Bar, alkoholfreie Getränke, Schnittchen und Weingummi. Die Glastür neben der Theke ist mit blickdichter Folie zugeklebt: Dahinter ist der Vortragsraum. „Wir bitten um Ruhe, wenn die Türe geschlossen ist“, steht auf einem Papierschild, durch den Türspalt dringt Gesang. Ein bisschen Zeit hat Daniela noch, sie ist um zwölf Uhr dran – zumindest planmäßig.

Jetzt hat dagegen Martin Heims Stunde geschlagen. Der 39-jährige Kölner hat zwar Kulturwissenschaften studiert, feierte aber kürzlich bereits sein 20-jähriges Bühnenjubiläum, arbeitet als Chansonnier und führt derzeit Regie in einem Kölner Figurentheater für Kinder. Martin ist eher rundlich als hoch gewachsen, und mehr temperamentvoll als unauffällig. Als sich für ihn die Tür öffnet, wird die fünfköpfige Jury vorgewarnt. „Martin Heim. Mit Pressebegleitung“, ruft die Produktionsleiterin Regisseur Uwe Schwarz und Team zu. Dann erst darf Martin vorbei, eskortiert von mehreren Fotografen, Kameraleuten, einem Tontechniker.

„Ich fange an mit einem spanischen Lied“, sagt Martin, das Lied heißt „El Cumbancero“ und als der Pianist zu spielen beginnt, intoniert Martin mit einem gepfiffenen Solo und bewegt sich im lateinamerikanischen Rhythmus – um ihn blitzt es, eine Kamerafrau umkreist ihn. Das lässt ihn kalt – zunächst. Martin bewirbt sich um eine der Hauptrollen den Che-Freund „Chico“. Er trägt deshalb auch einen Monolog vor – „Der Abschiedsbrief“ von Erich Kästner. Und dann passiert es, Martin verwechselt die Strophen, kommt aus dem Tritt. Das zweite Lied darf er nicht mehr vortragen.

Biegsame Körper, kubanische Klänge

Wieder auf der anderen Seite der Glastür, muss er gleich Stellung nehmen, die Schweißperlen noch auf der Stirn. „Wenn ich nicht mehr zum Tanzen aufgerufen werde, kann ich auch gleich gehen. Gut ist das für meinen kleinen Zeh, der ist gebrochen.“ Der kleine Zeh bekommt keine Chance, nur Sekunden später öffnet sich die Glastür wieder, Regisseur Schwarz bittet Martin zum Tanz, um 13 Uhr. Erleichterung beim „Chico“-Bewerber.

Nun ist auch Daniela dran, mit 40 Minuten Verspätung. Die Glastür schließt sich hinter ihr – und öffnet sich wenig später schon wieder. „Alles gut gelaufen“, sagt Daniela, sie muss sich nun ganz schnell zum Vortanzen umziehen. Im Wartraum wird nicht mehr gewartet, sondern längst gedehnt, gestreckt und aufgewärmt – vortanzen werden die Musical-Bewerber in Kleingruppen. Gezeigt werden sollen dabei nur einzelne Bewegungsabläufe und nach Möglichkeit auch Rhytmusgefühl, der Choreograf gibt dazu kurze Kommandos. Martin und Daniela sind in einer Gruppe, Martin ist der einzige Mann in der Auswahl. Konzentriert eifert er zu kubanischen Klängen den zumeist zierlichen, biegsamen Frauenkörpern nach, er soll nicht die Hüften, sondern die Schultern kreisen lassen. Und dann: „Limbo!“

„Wie erniedrigend das war“, sagt Martin wenig später mit schrill verstellter Stimme und gespieltem Entsetzen: Sein Shirt war bei der ausladenden Rückwärtsbewegung vorn hochgerutscht. Er lacht und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Hat echt Spaß gemacht.“ Auch Daniela. „War ja recht simpel“, sagt sie, umziehen will sie sich aber auch möglichst schnell.

Nun muss die Jury entscheiden, ob Daniela, Martin oder andere es in den Recall schaffen – die nächste Runde beginnt eine Woche später in Hamburg. Regisseur Schwarz und Autorin Steof sind zuversichtlich. Es sei schon Vielversprechendes dabei gewesen. „Was das Handwerkliche angeht, sind wir ohnehin immer einer Meinung“, sagt Steof. „Wenn ich anderer Meinung bin als die anderen“ – Schwarz meint den musikalischen Leiter, Autorin, Choreograf und Komponisten- „muss man mich eben im Recall umstimmen.“ Auch wenn das nicht nötig ist. „Der Regisseur hat das letzte Wort“, stellt Steof fest.Welche Worte er für Daniela und Martin übrig hat, wird sich bald zeigen. Auf dass sich Che nicht im Grabe umdreht.

 
 

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