Bewegte Bilder der Zeit

Marl..  Der wohl spannendste Teil der großen „China 8“-Ausstellung an Rhein und Ruhr läuft im Marler Skulpturenmuseum Glaskasten – und zwar über Monitore, Bildschirme und Leinwände. Einige der chinesischen Künstler arbeiten mit mehreren Bildschirmen zugleich. Der 1986 geborene Li Ming etwa lässt einen Mann über acht Bildschirme hinweg zunächst mit einem Rollkoffer loslaufen und dann alle erdenklichen Mitfahrgelegenheiten ergreifen, vom Skateboard übers einen Rad-Gepäckträger und verschiedene Minicars bis hin zum Schaufelbagger.

Imperialismus ironisch

Ob es ein Flugzeug war, das er zu erreichen versuchte, oder ein Zug, erfahren wir nicht – am Ende ist der Mann heilfroh, auf der Ladefläche eines Lkws zu stehen und fühlt sich wie der Sieger des Tages. Die seltsame Geschichte wird indes zerhackt erzählt, zwischen den Monitoren sind zeitliche Sprünge – treffende Bilder nicht nur für den Rhythmus unserer Zeit, sondern auch für die Art unserer unvollständigen, auf Vermutungen und Spekulationen angewiesenen Wahrnehmung. Song Dong zeigt eine Fahrradfahrt, die mit der Kamera knapp überm Lenker gefilmt ist – und der Schwindel, den man beim Zuschauen entwickelt, rührt nicht nur von der unebenen Fahrbahn, sondern daher, dass rechts eine andere Kulisse abläuft als links.

Wir sehen in Marl zwei Schülerinnen, die im Unterhemd, gibbelnd aufs Bett gefläzt, Texte für eine Prüfung auswendig lernen – Parteidogmen über den westlichen Imperialismus. In einem Jugendzimmer, das von der Chipsdose bis zum Teddy mit allen Insignien der westlichen Lebenswelt ausgestattet ist...

Geradezu fesselnd ist die abendliche Tafelrunde bei Kerzenlicht, die Shen Chaofang mit lauter schönen Frauen im opernhaft roten Abend umringt hat. Das ganze Geschehen von unwirklicher Schönheit läuft in Zeitlupe ab, das spielfilmartige Video nimmt zuweilen gespenstische Züge an – und die Bilder hallen lange nach.

Tote Fische, menschliche Aliens

Gespenstische Enten und Frösche, tote Fische oder menschliche Aliens vor alltagsgrauen, ausgenutzten Landschaften, Schlagstock-Training oder die 40 Überwachungsmonitore, die verschiedene Arbeiter in einer Nähfabrik zeigen: Auch die chinesischen Videokünstler nehmen ihre gesellschaftliche Wirklichkeit aufs Korn.

Und einer wie Wang Gongxin hängt sieben Bildschirme im Hochformat auf, die wie Altartafeln wirken, zumal sie (mäßig) bewegte „Stillleben“ zeigen – das Sterben einer Wespe auf Waben etwa oder Fleisch, das grüne Blasen wirft, eine rosa Libelle über Müll im Wasser oder eine Gottesanbeterin, die sich nach einer Plastiktüte streckt. All dies handelt ja nicht nur von der chinesischen Gegenwart.

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