Berlinale 2009: Jude Law, Judy Dench und die anderen

Foto: AP

Berlin. Die tägliche Kolumne von der Berlinale. Über unverstandenen, artifiziellen Subtext – noch mehr Subtext – sehr viel mehr Artifizielles – Buhrufe und Kinoschlaf, brutalst möglichen Streichereinsatz und bebende Busen. DerWesten-Redakteurin Juliette Guttmann berichtet direkt aus Berlin.

Liebe Cineasten, gerade gestern schrieb ich es noch mit einem Hauch von Vorahnung und Angst und es kam, was kommen musste: auf Sonne folgt Regen. Ein Tag, der etwas anderen Filme liegt hinter mir und es wäre gelogen zu behaupten, da sei viel Schönes dabei gewesen. Immerhin wurde heute nicht erbrochen. Nach einer internen Absprache mit mir ist die Übelkeit des Kinobesuchers nach überstandenen zwei Stunden Film aber doppelt zu bewerten.

Avanti Dilettanti

Verwackelte, unscharfe Bilder und ein nicht ganz schlüssiges Soundkonzept warteten auf den frühen Kinobesucher. „Gigante“ von Adrián Biniez. Die brachiale Musik zu Beginn des Films konnte ihr Versprechen im Folgenden nicht einlösen. Schüchterner, einsamer Heavy-Metal-Fan arbeitet für einen Überwachungsdienst eines großen Supermarktes. Der übergewichtige Stoiker drückt schon mal ein Auge zu, wenn eine Packung Kaffee nicht ganz ordnungsgemäß den Markt verlässt. In seiner Freizeit ist er Türsteher eines Metal-Clubs und spielt gerne Playstation. Außerdem ist er durch exzessiven TV-Konsum hervorragend als Chiropraktiker geschult. Er verliebt sich in die Putzfrau des Supermarktes, über dessen Überwachungskameras er nächtens herrscht, und begleitet ihr Tun fortan mit eben diesen Kameras. Die Bilder der Überwachungskameras sind gestochen scharf, der Rest des Films ist es eher nicht.

Es folgen dröge Bilder und der inständige Wunsch der Filmemacher, genau so möge irgendwie Dogma daraus werden. Immer wieder blitzt eine Art von Handlung auf, es gelingt aber nicht den roten Faden zu verfolgen und so spielt der nicht unsympathische Hauptdarsteller meistens gegen eine inhaltliche Leere und Konzeptlosigkeit an. So hängen wir im ersten artifiziellen Subtext des Tages. Nach fünf Minuten beginnt man zu rechnen, wie lange der insgesamt 84 Minuten lange Film noch dauern wird.

Die einen sprechen bei solchen Filmen gerne von großartigen Stillleben, für andere ist es einfach nur Langeweile und Unvermögen. Es sind die mit einem Augenzwinkern erzählten Geschichten aus dem Alltag, die gerade besonderes Können und Präzision erfordern. Eine dauerhaft auf Unschärfe eingestellte Optik reicht alleine nicht aus. Wenn Musik kommt, ist sie deplaziert. Als 30 minütiger Kurzfilm hätte die Geschichte vielleicht in angemessener Form erzählt werden können. Trotzdem sicher der beste Wettbewerbsbeitrag des heutigen Tages.

Gut gemeint, ist nicht gleich gut gemacht

Am Mittag dann „Mammoth“ von Lukas Moodysson mit Gael Garcia Bernal und Michelle Williams. Ein Wettbewerbsbeitrag der deshalb vielleicht in Erinnerung bleiben dürfte, weil er die ersten Buh-Rufe des Wettbewerbs auf der Haben-Seite verbuchen konnte. Im Zentrum des Films steht ein junges, erfolgreiches New Yorker Paar, mit kleiner Tochter und philippinischer Nanny. Kindermädchen Gloria musste ihre beiden Söhne in der Heimat zurück lassen, um in den USA für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Eine Reise von Leo, unserem erfolgreichen New Yorker zeigt allen, dass sie ihre Prioritäten im Leben falsch gewählt haben und dass es die Kinder sind, die am meisten darunter zu leiden haben.

Das Elend des Luxuslebens in New York ist erschreckend. Man spürt die Verzweiflung vor dem viel zu vollen Kühlschrank, im großen Loft und vor allem bei dem auf Reisen befindlichen Jungunternehmer. Er hat im Verlaufe des Films Glück im Unglück. Eine junge Prostituierte wird sich in Thailand liebevoll seiner annehmen, ihm die Augen und noch ein bisschen mehr öffnen. Alle bewegen sich in einer Welt, in die sie nicht gehören, verbunden über Mobiltelefone und Skype. Auch das Elend auf den Philippinen lässt sich in zauberhafte Bilder packen. Es muss doch nicht immer dreckig zugehen. Gut gemeint kann schlimmer sein als schlecht gemacht.

Passend dazu am Ende ganz lieb gemeinte Buh-Rufe aus dem Publikum. Die anschließende Pressekonferenz war liebevoll und harmonisch. Es saßen Kinder mit auf dem Podium.

Hintergrund – und davon reichlich

Dritter Wettbewerbsbeitrag des Tags: „Rage“ von Sally Potter („Orlando“) mit Jude Law, Judy Dench, Eddie Izzard und Steve Buscemi. Vergessen Sie alles, was Sie über Handlung wissen. Es geht um Subtext. Den reinen Subtext. Es steckt alles drin, nur drunter und das tiefer als Sie bisher dachten und es geht um irgendwas mit Mode. Ist aber egal, könnten auch Medien sein, oder Politik, oder Wirtschaft, politisch brisant wären Banken, aber das konnte ja keiner ahnen, als der Film produziert wurde. Hauptsache es geht kalt zu und oberflächlich, in einer Branche, in der ein Menschenleben nichts, Geld aber alles ist

Menschen sprechen 99 Minuten vor einem Bluescreen in eine Kamera.

Maximaler Zuschauerschwund.

Schlafen wäre auch eine Lösung gewesen.

Too much Simplicity.

Als Männer noch einen Funken Ehre im Leib hatten

Zur guten Nacht in der Sektion „Berlinale Special“ die Fontane Verfilmung „Effi Briest“ von Hermine Huntgeburth mit Julia Jenscht, Sebastian Koch und Mišel Matièeviæ als Schwerenöter Major von Crampas.

Auf Wunsch ihrer Eltern heiratet die blutjunge Effi (Julia Jentsch) den 20 Jahre älteren Baron von Innstetten (Sebastian Koch), der eigentlich in ihre Mutter verliebt ist. Das Leben in einem verschlafenen Ostseestädtchen ist langweilig. Der politisch ambitionierte Gatte weilt oft und gerne im fernen Berlin und lässt seine junge Frau alleine. Das monotone Einerlei ändert sich als Heißsporn von Crampas dem Paar seine Aufwartung macht. Da bebt und wogt der Busen vor Aufregung und alles ist vermutlich ungeheuer wild-romantisch. Die allzeit bereite dramatische Orchestrierung legt diesen Schluss zwingend nahe.

Es kommt, was kommen muss. Der Gatte erfährt, wenn auch erst Jahre später, vom Fehltritt der Gemahlin. Selbstredend kann er die Schmach nicht auf sich sitzen lassen und fordert den Nebenbuhler zum Duell. Es kommt zum Aufeinandertreffen vor malerischer Kulisse, man zielt, schießt, einer ist tot, Sie ahnen wer. Einsatz der Celli. Dann kommen noch Freiheit, Selbstachtung und Rauchen in Cafés.

Was haben wir heute gelernt? Fernsehen macht nicht nur dumm, man kann auch zum begnadeten Chiropraktiker werden, wenn man gezielt auswählt und gute Sendungen guckt. Kinder tragen zur Deeskalation bei. Obacht bei Männern die im Morgengrauen mit zwei geladenen Waffen im Koffer das Haus verlassen.

Und morgen? Wir wünschen uns mehr Subtext.

Und sonst? Kann Subtext als Untertitel zum Film geliefert werden?

Mehr zum Thema:

 
 

EURE FAVORITEN