Bei John Irving ist jeder Satz ein Bär

John Irving. Foto: imago
John Irving. Foto: imago
Foto: imago stock&people

Köln.. Schriftsteller John Irving, der große amerikanische Wörterbetörer, im Gespräch über seinen neuen Roman „Letzte Nacht in Twisted River“, das Schreiben und das Altern.

Er ringt um Worte, mit Worten. Von Hand bearbeitet er seine Sätze, handschriftlich!, bis Märchen voller Bären und Holzfäller einen wohltönenden Ausklang finden, so wie diesen: „Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann – so musste sich sein Vater gefühlt haben, in den Nöten und Qualen seiner letzten Nacht in Twisted River”.

Nun ruhen sie, die gold- und silberberingten Hände des großen amerikanischen Wörterbetörers, auf einem schnöden Konferenztisch. John Irving in Köln, das ist ein Geschenk an das Literaturfestival Lit.Cologne zum Zehnjährigen: Der 68-Jährige füllte den Tanzbrunnen (zweimal) und erfüllte Journalistenträume: Einmal von seiner Hand jenes legendäre Schreiben, Streichen, Neuschreiben der Romane vorgeführt bekommen!

Die Hände zeichnen auf Hotelpapier. Kopfkarten, die zum berühmten letzten Satz führen, den Irving stets als erstes weiß. Sätze sind Bären für ihn, die es zu bezwingen gilt. Mit einer Szene im letzten Werk hat er besonders gerungen, erzählt er nun: Als der kleine Danny, Held und (unglückliches) Alter Ego Irvings im Roman „Letzte Nacht in Twisted River“ erlebt, wie eine Frau weint – um sich, um ihn, weil das Leben so ist, wie es ist. „In diesem Moment, als er auf dem Schoß dieser Frau sitzt und sie weint, da stellt er sich vor, am anderen Ende der Küche zu sein. Es ist ein frühes Beispiel dafür, dass Danny wie ein Schriftsteller denkt: Ich möchte das nur beobachten, ich möchte nicht der Junge in den Armen dieser Frau sein. Lass nicht zu, dass mir das passiert.”

„Als Kind wuchs ich in einem Theater auf“

Lass nicht zu, dass mir das passiert: Durch zwölf Romane hat Irving diese Angst getrieben. Dies ist die Antwort zu allen Fragen, die er mit seinen charmanten, langen, unterhaltsamen Stories aus dem wilden Leben pariert. „Ich schreibe über die Dinge, vor denen ich mich fürchte.” Der Roman, ein Bann.

Der vorletzte Satz in „Letzte Nacht in Twisted River“, er lautet: „Er hatte so viel verloren, was ihm lieb gewesen war, doch Danny wusste, dass Geschichten Wunder waren – sie ließen sich einfach nicht aufhalten.“

Warum er das Schreiben begonnen hat? Er entkommt knapp, in einem händeringenden Plädoyer für Spannung. „Als Kind wuchs ich in einem Theater auf, in dem meine Mutter Souffleuse war. Und noch bevor ich jene Romane des 19. Jahrhunderts für mich entdeckte, die in mir den Wunsch weckten, Schriftsteller zu werden, mochte ich Theaterstücke.” Die griechischen Tragödien, Kreon, Antigone, Shakespeares Lear spielt er nun nach und genießt die Unausweichlichkeit des Schicksals. Ein Schauspieler.

„Ich habe bisher zwei politische Romane geschrieben“

Gibt es einen Charakter im neuen Werk, der ihm ähnelt? Der seine Ansichten vertritt? Irving zieht das Lederjackett über dem weißen Motiv-T-Shirt zurecht. „Ich habe bisher zwei politische Romane geschrieben. Wenn Dr. Larch in ,Gottes Werk und Teufels Beitrag’ über die Abtreibung spricht, spricht er für mich. Alles, was Owen Meany über Vietnam sagt, ist meine Meinung.“ Ketchum, der politischste Kopf im neuen Roman, aber sei ein Radikaler: „Er hasst alle, die etwas zu sagen haben. Er spricht für eine Menge Leute im heutigen Amerika, die wütend und ängstlich sind – aber ich würde nicht in einem Land leben wollen, in dem er das Sagen hat.“ Ob Ketchum heute Obama lieber mögen würde als Bush? „Vielleicht. Oder auch nicht.“

Die Charaktere in Irvings Büchern bleiben sich selbst treu; sie altern, aber ändern sich kaum. Und er selbst? Schaut auf seine Hände. „Die meisten Menschen glauben, sich sehr geändert zu haben“ – noch eine Pause. „Ihre Freunde würden das anders sehen.” Dann aber fällt ihm doch noch eine Episode ein über das Altern. Einmal habe ein alter Schulfreund ihn besucht in Toronto, und Irvings Sohn Everett öffnete die Tür. Irving hat die Szene nicht selbst gesehen – „ich war gerade in der Küche” – aber nun malt er sie aus: das Erstarren des Freundes, die Jugend seines Sohnes, das Abendessen später: „Mein Freund sagte: Ich sehe dich, wenn ich in das Gesicht deines Sohnes blicke.”

Eine Geschichte von Verwirrung, Verwechslung, über die Familie und den Wandel der Zeit. Käme noch ein Bär vor, ein Unglück und eine Schusswaffe, es könnte eine Story sein, die Irving packt.

Die er anpackt – niederringt.

 
 

EURE FAVORITEN