„Befreite Moderne“ in Mülheim mit Kunst von 1945 bis 1949

„Trompetender Hahn“ (Ausschnitt) - ein imposantes Tempera-Gemälde von Jeanne Mammen (1890-1976).
„Trompetender Hahn“ (Ausschnitt) - ein imposantes Tempera-Gemälde von Jeanne Mammen (1890-1976).
Foto: Kunstmuseum Mülheim
Das Kunstmuseum Mülheim zeigt deutsche Bilder aus einer Zeit, in der Kunst ein Fenster öffnete: „Befreite Moderne“ - Rückgriff und Vortasten zugleich.

Mülheim. Nennenswerte Bestände älterer Kunst sucht man vergebens in den Museen des Reviers. Die Fürsten und Kleriker hier, so es sie denn gab, waren keine großen Kunstfreunde oder -sammler. Dafür ist der Bestand der Ruhr-Museen an moderner Kunst beträchtlich – und was die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg angeht, sogar eine Schatzkiste. So konnte die beeindruckende Ausstellung „Befreite Moderne. Kunst in Deutschland 1945 bis 1949“ im Mülheimer Kunstmuseum, die ein vernachlässigtes Kapitel der Malerei aufblättert, weitgehend aus hauseigenem Beständen sowie denen des Märkischen Museums in Witten, des Bochumer Museums und des Duisburger Lehmbruck Museums bestückt werden.

Abendhimmel über Witten

Ein „Tag der Befreiung“ war der 8. Mai 1945 nicht mal für jene Maler, die in der NS-Zeit verfemt, verboten, verfolgt waren. „Siegestag der Alliierten“, lautet der lakonische Tagebuch-Eintrag von Willi Baumeister, der schon vor 1933 zur abstrakten Malerei gefunden hatte und den die Nazis aus allen Ämtern jagten, bevor sie ihn mit einem Malverbot belegten.

Mit Baumeister, stilistisch ein deutsches Gegenstück zu Joan Miró, sollte sich die gesamte westdeutsche Nachkriegsmalerei ab 1950 dem Informel, dem Unverdächtig-Abstrakten zuwenden. Während der Osten Sozialistischen Realismus als Instrument der Volkserziehung begriff, propagierte der Westen seine Modernität mit gegenstandsloser Malerei. Nicht von ungefähr wurde die Verbreitung des in den USA aufkommenden „Abstrakten Expressionismus“ von der CIA gefördert.

In den Jahren zuvor aber, zwischen Kriegsende und der Gründung zweier deutscher Staaten, gab es eine ungeahnte Offenheit in der Kunst, das führt die Mülheimer Schau vor Augen. Es begann mit tastenden Versuchen, an die 1933 jäh abgebrochene Entwicklung anzuknüpfen, die Formensprache der Expressionisten, Kubisten, Surrealisten oder Neu-Sachlichen wieder aufzugreifen, voranzutreiben. Das Fensterbild, die Aussicht auf Gegenwärtiges und Kommendes, erlebte eine ungeahnte Renaissance, auch wenn der Blick wie bei Carl Barth 1946 auf Ruinen gerichtet ist. Der von Gustav Deppe geht 1947 skizzenhaft auf ein Oberleitungsgestrüpp, bevor er auf den rötlich gefärbten Abendhimmel über Witten trifft. Georg Meistermann schaut 1945 aus dem Atelier auf geometrische Hühner und ein ab­strahiertes Kruzifix.

Es sind echte Entdeckungen zu machen

„Mit der Zeit wuchs auch die Experimentierlust“, hat Museums-Chefin und Kuratorin Beate Reese beobachtet – „mit sehr begrenzten Materialien!“ Monotypien wurden beliebt, bei denen die Farbe spiegelverkehrt auf glatte Flächen aufgetragen und dann – einmalig – aufs Papier „gedruckt“ wird. Die Berlinerin Jeanne Mammen, die noch im Krieg – verbotener Weise – in expressiv-kubistischer Manier einen spektakulär guten „Trompetenden Hahn“ als Gleichnis der Nazi-Propaganda gemalt hatte, ging nach dem Krieg zu schlichten Materialbildern über, mit Kordeln, die zuvor Care-Paket zusammengehalten hatten.

Überhaupt sind in Mülheim echte Entdeckungen zu machen: Der Aachener Grafiker Erich Müller-Kraus etwa arbeitete ebenfalls schon im Krieg an seinem Zyklus „Barberopa“ mit Horden von surrealen Schreckgespenstern; später wurden auch seine Bildfindungen immer abstrakter. Zudem sind spätere Helden des Informel wie K.O. Götz Heinz Trökes, Hann Trier, Fritz Winter und Ernst-Wilhelm Nay in ihrer Frühform zu bestaunen – Mülheim öffnet ein großes Fenster zur Kunst der unmittelbaren Nachkriegszeit.

 
 

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