Bedroht das Internet die Demokratie?

Das Zeitalter der Masseneremiten ist angebrochen. (Foto: ddp)
Das Zeitalter der Masseneremiten ist angebrochen. (Foto: ddp)
Foto: ddp

Dortmund.. Der Dortmunder Medienwissenschaftler Claus Eurich sieht in der zunehmenden Flut der Medien eine Bedrohung für unsere Demokratie. Durch die Fragmentierung der Gesellschaft gehe der soziale Kitt verloren.

Wir leben in einer Welt der Medien. Sie ist unsere zweite Umwelt, unsere „neue Natur”. Fast alles, was wir über, sagen wir, Angela Merkel wissen, über Westerwelle, über die Politik insgesamt, über Gesetze, Verbrechen, Geschichte, Wissenschaft, Kriege und Katastrophen, ja sogar über die Natur, wissen wir über und durch Medien. So bilden wir uns eine Meinung von der Welt. Und auch umgekehrt gilt: Botschaften und Bilder werden über Medien transportiert, um Meinungen zu bilden.

Wenn unser Weltbild und unser Politikverständnis so umfassend durch Medien bestimmt wird, sieht es nicht besonders gut aus für die Demokratie. Ihr drohen zwei Gefahren: Durch die Medien selbst, insbesondere das Internet. Und durch die Nutzer.

Google speichert alles

„Unser demokratisches Verständnis ist abhängig von einer funktionierenden Öffentlichkeit”, sagt Claus Eurich, Medienwissenschafter an der TU-Dortmund. In einer Demokratie muss sich jeder ohne Angst vor den Folgen äußern dürfen. Die unbeschränkte, unzensierte und unkontrollierte Debatte ist wesentlich für ein freies Gemeinwesen. Eurich: „Die freie Meinungsbildung ist die Voraussetzung für die Partizipation an der Demokratie.” Das Internet ist jedoch dabei, diese Vorstellungen radikal zu ändern. Google speichert alles, Google findet jeden.

Für eine freie Kommunikation ist es elementar, Fehler zugestehen zu können, Einsicht und Lernfähigkeit zu erlauben. Nicht im Netz: „Es verzeiht nicht, vergisst nicht und vergibt nicht”, sagt Eurich. Jede Blödheit, jede Jugendsünde wird aufgehoben und bleibt für alle Zeiten weltweit abrufbar. Wo alles gespeichert bleibt, ist die freie Meinungsäußerung in Gefahr; der Marktplatz der Ideen wandelt sich gleichsam zu einem gläsernen, überwachten Raum. Das Wesen der Öffentlichkeit als freier und offener Diskursraum verändert sich dadurch und unterliegt zusätzlich der Aufsicht privater Konzerne.

Wissenskluft immer größer

Die zweite Gefahr geht von den Mediennutzern aus. Jeder richtet sich in seiner medialen Nische ein, je nach Neigung, Lust und – vor allem: Bildung. „Die Wissenskluft wird immer größer”, sagt Eurich. Damit meint er nicht nur das traditionelle Verständnis von Bildung, sondern das Wissen darum, wie man mit Medien umgehen und wofür man sie nutzen kann: Kurz: Es geht um „Medienkompetenz”.

Die Fragmentarisierung der Gesellschaft wird durch das Netz beschleunigt: „Jeder kann sich seine eigene Patchwork-Öffentlichkeit herstellen”, sagt Eurich. Wo aber jeder sich individuell mit Informationen versorgt, verschwindet ein gemeinschaftlich getragenes Bild von unserer Welt und unserem Gesellschaftssystem, der soziale Kitt geht verloren. Von „Masseneremiten” spricht Eurich, ein Wort, das der Sozialphilosoph Günther Anders geprägt hat. „Die Menschen nehmen sich selbst aus dem demokratischen Prozess heraus und sind buchstäblich gefesselt an den Bildschirm. Anders’ düstere Vision beginnt sich zu verwirklichen”, glaubt Eurich. Viele Menschen richteten sich ein in ihrer „selbst verschuldeten Unmündigkeit” (Kant), suchten sich mediale Fluchtorte, wo sie ein Leben finden, das es nicht mehr gibt: heil, sauber, interessant und sortiert. Diese Entwicklung werde sich „dramatisieren”, sagt Eurich.

Wachsende Sehnsucht

Dennoch gebe es Hoffnung. „Jeder Trend gebiert einen Gegentrend.” Auch wenn das „Masseneremitentum” voranschreite, erkenne er eine wachsende Sehnsucht nach wahrer Gemeinschaft, direktem Austausch und echter Debatte. Und er erinnert an die „Bürgerpflicht”, sich zu informieren, darauf beruhe unser Rechtsstaat.

Diese Gegentrends könnten verantwortungsvolle Medien befördern, indem sie ihre Aufklärungsfunktion stärker ausfüllten. Indem sie auf das Polarisieren und Streit säen verzichten und ihre Rolle als Beobachter ernster nehmen: empathische, also mitfühlende, Zeugenschaft, fordert Eurich von den Journalisten. Denn: „Einer muss beobachten. Unabhängig und einfühlsam.”

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