Barbara, Kumpel Anton und der Beat

Dortmund..  Dichtertreffen auf der Zeche in Walsum, Ruhrfestspiele in Recklinghausen, Malerei der Kumpels im Bochumer Bergbaumuseum – das Ruhrgebiet war selbst in den Trümmerjahren der Nachkriegszeit alles andere als eine kulturelle Wüste. Von Anfang an versuchten besonders die Zechengesellschaften, den alten wie neuen Bergleuten (die vielfach aus den deutschen Ostgebieten eingewandert waren) auch mental eine neue Heimat zu geben, Kultur als Integrations-Beschleuniger zu nutzen.

„Das Gegenteil von einem Helden“

Die Heilige Barbara, eine der 14 Nothelfer im katholischen Glauben, war so eine Gestalt: Im deutschen Osten, etwa in Schlesien, glühend verehrt, wurde sie nach 1945 mehr denn je zur Schutzpatronin des Bergbaus stilisiert, mit der Einrichtung alljährlicher Barbara-Feiern am 4. Dezember etwa. Und mit der allmählichen Herauslösung der Heiligen aus der katholischen Aura zu einer Identifikationsfigur über alle Glaubensarten hinweg. Von der letzten Barbara-Feier vor der Schließung der Zeche Walsum im Duisburger Norden gibt es ein Foto, das einen katholischen und einen protestantischen Geistlichen zusammen mit einem Imam zeigt.

Überhaupt Walsum: Wer weiß schon, dass es hier 1956 ein Dichtertreffen gab, mit über 20 Autoren? Willy Bartock, der eher volksnah reimte („Karoline , laß das sein, / mit dem Schlankheitstee, / esse lieber was vom Schwein / und dazu Pürree. / Karoline bleibe rund, / lasse dich belehren, / sonst werde ich in letzter Stund / beim Betriebsrat mich beschweren“), traf auf Otto Wohlgemuth, den sie den „Goethe des Bergbaus“ nannten und der höchste Qualität für Bergbaudichtung verlangte, während es Bartock genügte, wenn „Kumpeldichtung“ von Herzen kam und zu Herzen ging.

Was im Revier beliebter war, zeigte der Erfolg von „Kumpel Anton“, dessen Anekdoten („Anton, sachtä Cervinski für mich“) vom Barbaratag des Jahres 1954 an ein Vierteljahrhundert lang den Zeitungslesern ein zustimmendes Lächeln ins Gesicht zauberte. Der Erfinder, der Sportredakteur Wilhelm Herbert Koch, war Sohn eines Zechenbetriebsführers – und Anton eine Art Sprachrohr für Revierbürger: „Anton war pfiffig, kreativ und bodenständig, anti-elitär, das Gegenteil von einem Helden“, sagt Dagmar Kift, die für das Industriemuseum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe eine Ausstellung über Leitfiguren im Revier der Nachkriegszeit erstellt hat.

Zurzeit gastiert diese Ausstellung auf der Dortmunder „Dornröschen-Zeche“ Zollern II/IV. Und führt vor Augen, dass das Revier zumindest auf dem Feld der Kunst beides suchte: den Anschluss an die von den Nazis gewaltsam abgebrochene, unterdrückte Moderne, etwa in der Künstlergruppe „junger westen“, die stilbildend für das abstrakte Informel der Nachkriegszeit werden sollte – aber auch die Kunst des kleinen Mannes. Gerade der Maler und Recklinghäuser Kunsthallen-Chef Thomas Grochowiak förderte die Naive Malerei der Bergleute (und versuchte sie davon abzuhalten, sich die Maltechniken der großen Künstler draufzuschaffen, weil er fürchtete, sie würden damit ihre Handschrift verlieren). Grochowiak stellte sie begleitend zu den Ruhrfestspielen in Recklinghausen aus, die nun wieder „Hochkultur“ ins Revier brachte.

Literatur der Arbeitswelt

Dezidiert gegen diese Hochkultur richtete sich nicht nur die in Dortmund gegründete „Gruppe 61“, die sich Literatur der Arbeitswelt auf die Fahnen geschrieben hatte, sondern auch der Jazz, der insbesondere in Dortmund gepflegt wurde (etwa im „Hot Club“), und die Beatgruppen-Wettbewerbe, die der legendäre Kurt Oster in Recklinghausen Mitte der 60er-Jahre ins Leben gerufen hatte. Da wurde die Heilige Barbara längst von Barbie abgelöst, und zumindest der Jugend, mit der das Revier den popkulturellen Anschluss an den Rest der Republik fand, waren James Dean und die Beatles heiliger.

 
 

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