Aus dem Hobbykeller in die Bankfiliale

Meschede.  „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Nach diesem Motto hat schon der Dichter Bertolt Brecht Kriminelle sortiert. Allerdings hätte sich selbst Brecht nie ausdenken können, wie in Zeiten der Bankenkrise Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Ansgar und Micha hingegen haben es zwar nicht so mit der Literatur, möchten aber als echte Sauerländer Jungs ihrem finanziellen Fortkommen kreativ auf die Sprünge zu helfen. Schon im zarten Mofa-Alter überfallen die Winterberger in Brilon ihren ersten Geldtransporter und erbeuten einen leeren Geldkoffer. Alle weiteren Versuche scheitern ebenso spektakulär.

Im Dortmunder Großstadtdschungel

Aus dieser Grundkonstellation macht Gerd Normann den schrägen Handlungsrahmen für seinen spannenden neuen Roman „Schwopps“. Der Kabarettist aus Bestwig und Gründer der Kleinkunstbühne Kokolores in Meschede-Eversberg schafft es wie kein zweiter, Land und Leuten seiner Heimat ironisch auf den Zahn zu fühlen. In „Schwopps“ inszeniert er ein kinoreifes Roadmovie, das die Protagonisten schließlich in den Großstadtdschungel von Dortmund führt, wo die Ereignisse sich auch wegen rebellierender Rentnerinnen überschlagen.

Micha ist heller drauf als Ansgar, deshalb geht er nach Münster zum Studieren, findet eine Laufbahn als selbstständiger Steuerberater dann aber doch zu anstrengend und entscheidet sich für einen Halbtagsjob als Steuerfachgehilfe, legt nebenbei in Discos auf und verleiht im Winter Skier. Ansgar will den elterlichen Hof nicht übernehmen, pflegt ein lebenslanges Stallgeruch-Trauma und wird ein Schrauber, der für Motoren ein besseres Händchen hat als für den Erstkontakt mit Frauen.

Wohingegen das schöne Geschlecht dem gutaussehenden Micha die Bude einrennt, was aber auch nicht zu Hochzeit und Kleinfamilie führt. Vielleicht liegt es daran: „Seine Beziehung zu Bettina stand zwar immer noch auf soliden Füßen, doch gab es erste feine Risse. Seine verschiedenen Jobs machten ihr nichts aus. Aber dass sein Hobbykeller für sie Tabu war, das ging ihr mächtig auf den Geist.“

Ansgar wettet gern und ist deshalb ständig pleite. Vor seinen Gläubigern flieht er nach Dortmund, wo er in „Uwes Autokrankenhaus“ einsteigen kann: „Heutzutage machte jeder Schulden. Das war doch der Normalzustand. Sollten sich nicht so aufregen, das war ein Kavaliersdelikt.“

Kämmerer und Stadtentwickler

Und als Ansgar schließlich Lotte kennenlernt, die Investmentbankerin, gibt es einen direkten Kurzschluss zwischen der US-Immobilienkrise, die 2008 zur weltweiten Finanzkrise mit Banken-Domino führt und dem Sauerland. Denn Micha, Ansgar, Lotte und der vormals so dämliche Ole, der es zum Hacker gebracht hat, gründen tatsächlich eine Bank. Damit machen sie einen Kämmerer glücklich: „Tief in seinem Inneren wusste Herr Berthold, dass ihm für einen Stadtkämmerer die nötige Fachkenntnis fehlte. Aber er hatte diesen Umstand immer durch viel Engagement ausgleichen können.“ Und sie legen mit unkonventionellen Mikrokrediten einen Stadtentwickler aufs Kreuz, der das neue Erholungsgebiet am Phönix-See zur verbotenen Zone für Gyrosbuden, Grillwalker und mobile Creperien erklären will.

Während das Quartett weiter plant, einen Geldtransporter zu überfallen, planen drei Geldtransporter-Fahrer und eine Oma, eine Bank zu überfallen. Und natürlich gibt es ein glückliches Ende ganz ohne justiziable Vorkommnisse, dafür sorgt schon die Banken-Treuhand mit ihrem Rettungsfonds.

Zwischen Lachen und Weinen schwankt der Leser, denn der Wiedererkennungs-Effekt ist genial hoch – vor allem, was den kommunalen Umgang mit Finanzen, also Steuergeldern, betrifft. So erklärt sich letztendlich auch der ungewöhnliche Buchtitel „Schwopps“, der in allen südwestfälischen Städten für helles Entzücken sorgen dürfte, die ihre Schulden mit sogenannten Spread Ladder Swaps an der Börse verwettet haben und damit erstaunlicherweise richtig auf den Bauch gefallen sind.

 
 

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