Auf der Höhe seiner Kunst - Edgar Reitz zeigt „Die andere Heimat“

Arnold Hohmann
Jakob (Jan Dieter Schneider) sucht die Freiheit.
Jakob (Jan Dieter Schneider) sucht die Freiheit.
Foto: Concorde/ Christian Lüdeke
Edgar Reitz schließt seine „Heimat“-Saga mit dem Vier-Stunden-Film „Die andere Heimat“ ab. Er erzählt die Chronik einer Sehnsucht ohne drängende Musik, aber in starken Bildern. Zum Schluss hat auch der Regisseur selbst einen kurzen Gastauftritt.

Essen. Seit der Regisseur Edgar Reitz beschlossen hat, sich ausschließlich mit dem Hunsrück, seiner Geschichte und seinen Bewohnern zu beschäftigen, dachte er vor allem in großen, ausufernden Erzählblöcken. Doch nach „Heimat“ (1984, 16 Stunden), „Die zweite Heimat“ (1992, 26 Stunden) und „Heimat 3“ (2004, 11 Stunden) überrascht Reitz nun mit seinem Projekt „Die andere Heimat“.

Der Rückblick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts liefert uns nicht nur die Vorgeschichte des Hunsrück-Örtchens Schabbach und der dort lebenden Sippe der Simons, es ist mit knapp vier Stunden Laufzeit auch der erste Film aus diesem Zyklus, der mit Blick auf die große Kinoleinwand konzipiert wurde.

Die Geschichte eines verpassten Lebens

Nun künden Alterswerke nicht immer vom einstigen Glanz ihrer Schöpfer, bei Reitz jedoch erlebt man einen 80-Jährigen noch einmal auf der Höhe seiner Kunst. Mit dem jungen Bauernsohn Jacob Simon (Jan Dieter Schneider) im Zentrum, einem in seiner dörflichen Umgebung isolierten Bücherfresser und Träumer, erzählt „Die andere Heimat“ vor allem anderen die Geschichte eines verpassten Lebens.

Jacob wird am Ende aus lauter Schüchternheit weder die Erfüllung seiner Liebe zum seelenverwandten Jettchen (Antonia Bill) erleben, noch wird er je seinen Drang in die Welt hinaus verwirklichen können.

Schon in den ersten Bildern sieht man Jacob, wie er sehnsuchtsvoll den Menschen-Trecks hinterherblickt, die den Hunsrück in Richtung Brasilien verlassen. Hungersnöte und die Unterwerfung durch eine feudale Obrigkeit zwingen nicht wenige, ihr Glück in Übersee zu versuchen. Die meisten zieht es nach Brasilien, wo angeblich große Ländereien und geregeltes Einkommen auf die Wagemutigen warten. Jacob hat alles über Brasilien gelesen, hat aus Büchern sogar schon die Sprache verschiedener Indianerstämme gelernt.

Bilder in einem geradezu majestätischem Schwarzweiß

Die 25 verschiedenen Ausdrücke, die ein Stamm für die Farbe „Grün“ hat, beeindrucken auch das forsche Jettchen, das spürbar Sympathien für Jacob hegt. Doch dessen fehlende Tatkraft und Verzagtheit treiben die pragmatisch denkende Frau schon bald in die Arme von Jacobs Bruder Gustav (Maximilian Scheidt), den sie schließlich heiratet und mit dem sie auswandern will.

Das bremst Jacob aus, der selbst schon die Passage buchen wollte, nun aber aus Pflichtgefühl daheim beim Vater und der schwerkranken Mutter bleibt. Marita Breuer, die schon in der ersten „Heimat“ dabei war, spielt nun auch ihre Vorfahrin, eine sich ständig überfordernde Frau, die so sehr die Belesenheit ihres jüngsten Sohnes bewundert.

Kameramann Gernot Roll, der bisher alle „Heimat“-Filme fotografiert hat, liefert hier Bilder in einem geradezu majestätischen Schwarzweiß. Nur hin und wieder tauchen kleine Farbpartikel als Akzentuierung auf, mal ein rot glühendes Hufeisen, mal die Farbe von Jacobs Augen in Großaufnahme, wenn sein verliebter Blick auf Jettchen fällt. Und wenn die Dorfjugend durch ein Stück Bernstein in die Natur blickt, dann glüht für einen Moment sogar ein ganzes Farbenmeer auf.

Kurze Begegnung zwischen Wenrer Herzog und Edgar Reitz

Diese „Chronik einer Sehnsucht“, wie der Untertitel lautet, ist ein Kino, wie man es kaum noch kennt. Keine drängende Musik verkleistert einem die Wahrnehmung, es wird nur gesprochen, wenn auch wirklich etwas zu sagen ist. Und die starken Bilder, an denen das Auge verweilen möchte, sie bleiben tatsächlich auch ein wenig stehen.

Derjenige, der diese im Flug vergehenden vier Stunden (plus zehnminütiger Pause) inszeniert hat, sitzt gegen Ende allein in der Landschaft des Hunsrücks und klopft Steine. Eine Kutsche mit Alexander von Humboldt kommt vorbei und der prominente Wissenschaftler steigt aus, um den Weg nach Schabbach zu erfragen, wo er seinen Brieffreund Jakob Simon treffen möchte.

Werner Herzog (71) gibt in dieser Rolle nur einen kurzen Gastauftritt. Aber seine Begegnung mit Edgar Reitz in der Einsamkeit der Felder, das ist eine wunderbare Erinnerung an die künstlerische Größe, die diese beiden dem deutschen Film verliehen haben.