Arnold Stadler und das Leben nach der Liebe

Arnold Stadler
Arnold Stadler
Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Der neue Roman des Büchner-Preisträgers Arnold Stadler, „Rauschzeit“, ist für den Deutschen Buchpreis nominiert: ein melancholisches, zugleich hintergründig-humorvolles Werk.

Alain heißt er, weil bei Arnold Stadler alle Namen sprechen. Alain, allein. So ist er zu einem Übersetzerkongress nach Köln gefahren. Allein hockt er auf einer Parkbank auf der falschen Seite der Stadt und sinniert seinem Leben hinterher. Genau genommen war der 40-Jährige von allem Anfang an allein, ein für seine Geschwister deutlich zu junger Bruder, letzter Spross eines aus der Fremdenlegion an die französische Atlantikküste heimgekehrten Vaters, der nicht mehr zusammenfindet mit seiner schöngeistigen Frau. Dieses Nebeneinanderleben bestimmt nun auch seine Ehe mit Mausi, womit wir beim nächsten sprechenden Namen wären.

Seit 15 Jahren sind sie verheiratet. In zwei verbundenen Wohnungen mit getrennten Schlafzimmern leben sie im Berlin-Schöneberg des Jahres drei der Wowereit-Ära. Nicht die besten Zeiten für einen promovierten Tagträumer wie Alain. Gute Zeiten aber für Arnold Stadler, den Büchner-Preisträger des Jahres 1999, der vorbei an aller Erzählökonomie so wunderbar um die Ecke denken kann. Sprachverliebt lauscht er den Worten nach, dreht und wendet sie, variiert sie in immer neuen, insistierenden, klingenden Formulierungen. Aus diesem Stadler-Sound, der sich Zeit nimmt und eben darum beim Lesen welche schenkt, entwickelt sich dann gemächlich die sehr überschaubare Handlung. Wenn er seinem Alain „das absolute Gehör für das Leben“ bescheinigt, ist dies die treffende Definition für diesen höchstens mit Adalbert Stifter oder Thomas Bernhard vergleichbaren Dichter. So geht er an gegen die „stillschweigende Voraussetzung unseres Leben, dass wir es lieber nicht so genau wussten.“

Alain und Mausi sind jeder für sich an diesem 25. und 26. Juni 2004, er in Köln, sie in Berlin. An beiden dekliniert Stadler die für sein Schreiben zentralen Begriffe Sehnsucht, Glück und Liebe erneut durch. „Die Zukunft war damals meine Sehnsucht, wie nun die Vergangenheit meine Heimat ist“, heißt es und dass die Liebe „Schmerzauslöser und Schmerztablette zugleich“ ist. Und sowieso weiß man nicht nur vom Glück erst hinterher, was es war.

Sprachgitter über Fluchtversuche

Vielleicht ist die Nachricht, dass die gemeinsame Freundin Elfie sich das Leben genommen hat, der Katalysator dafür, dass Alain und Mausi in spiegelverkehrter Synchronizität dem Seitenspringen entgegenzittern. Nicht nur in der Oper sitzt neben Mausi der blonde Däne Jesper und ihr Herz schlägt bis hinauf in die Ohren. Alain geht es ähnlich, als seine Ex Babette auf der Konferenz und dann auch an seiner Parkbank erscheint. Elfi hatte dieses Rauschzeithafte gelebt wie keine andere. Nun ist die Vielgeliebte mit 40 freiwillig aus dem Leben verschwunden, eine Steilvorlage für alle Freunde von einst hinterlassend, der man so oder so hinterherlaufen kann heraus aus den Verkrustungen.

Über diese Fluchtversuche legt Arnold Stadler sein Sprachgitter. Das Buch ist melancholisch, von hintergründigem Humor und kein bisschen zynisch. Es schweift aus und ab und bringt die Welt zur Sprache, wobei es immer wieder unverhofft – auf den Punkt kommt.

Arnold Stadler: Rauschzeit. S. Fischer Verlag, 550 S., 26 €

 
 

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