Apokalypse Show im Schauspiel Essen

Martina Schürmann
Axel Holst, Jörg Malchow und Johann David Talinski in der Inszenierung "Die lächerliche Finsternis".
Axel Holst, Jörg Malchow und Johann David Talinski in der Inszenierung "Die lächerliche Finsternis".
Foto: HO
Die Politsatire „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz zeigt Regisseur Robert Gerloff am Essener Schauspiel als herrlich schwüle, übersteigerte Dschungel-Phantasie.

Essen. Stell dir vor, es kriselt überall in der Welt und auf deutschen Bühnen schaut niemand so richtig hin. Die Sehnsucht nach politischer Reflexion und selbstironischer Provokation muss so groß sein, dass „Die Lächerliche Finsternis“, das neue, als Hörspiel geschriebene Stück von Wolfram Lotz frei nach Joseph Conrads Kolonialismusroman „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Vietnamkrieg-Abrechnung „Apokalypse Now“ schon jetzt als Stück der Saison gehandelt werden darf. In Wien uraufgeführt, in Hamburg und eben erst in Berlin herausgebracht, zeigt Regisseur Robert Gerloff die Politsatire am Essener Schauspiel jetzt als herrlich schwüle, übersteigerte Dschungel-Phantasie vor filmreifer Kulisse (Bühne: Maximilian Lindner); ausgestattet mit Zelt, Bambus-Verschlag, Bier-Büdchen und was sonst noch als Deko auf die Casa-Bühne passt.

Wilde Stehpinkler

Was Lotz in seinen Theatertexten bewusst lose lässt, verdichtet Gerloff zu einem atmosphärischen Trip in die Abgründe westlicher Wertelogik mit Hubschrauberwummern und eingespieltem Walküren-Ritt. Wenn das Stück mit dem lakonischen „Prolog des somalischen Piraten“ beginnt, der vom Seeräuber-Studium in Mogadischu berichtet, ist die Stoßrichtung schon klar: Hier wird kein „Tagesschau“-beglaubigtes Weltbild in Schwarzweiß gezeichnet, sondern nonchalant einer vom Krieg erzählt, mit durchgeknallten Bundeswehroffizieren auf Killer-Kommando-Tour, mit einem Fluss namens Hindukusch und „wilden“ Stehpinklern im Dschungel.

Die Wahrheit über die Krisenherde „da draußen“, zwischen Kongo und Afghanistan, will sowieso keiner wissen, ist eine These des sich stets auch selbst hinterfragendes Stücks. Weshalb hier nach Herzenslust herumfabuliert und mit westlichen Klischees jongliert werden kann und der Autor auch mal persönlich per Videoeinspielung zu Rate gezogen wird.

Gerloff verpackt den globalen Wahnsinn von Ausbeutung und Aufbauhilfe in eine fiebrige Erzählung, formt Figuren statt Karikaturen, aber manchmal bleibt er in der Wahl der Mittel fast brav. Dafür bereitet er dem vierköpfigen Ensemble eine exzellente Spielfläche. Axel Holst brilliert im raschen Wechsel zwischen bigottem Reverend, der gegen die Verschleierung der Muslima wettert (bei den schönen Beinen!) und Blauhelm-Kommandeur Lodetti, der sich über weggeworfene Zigarettenstummel im Busch ereifert. Jörg Malchow zeigt den Hauptfeldwebel Oliver Pellner als zackigen Kriegstechnokraten und straffen Erzähler, dem keine „Wildnis“-Plattitüde zu peinlich ist. Johann David Talinski ist der eher unfreiwillig ins Patrouillenboot gelangte Untergebene Stefan Dorsch. Und Stephanie Schönfeld darf den Papagei als Riesen-Shrimp spielen (Kostüme: Johanna Hlawica).

Die Wirklichkeit ist eben immer bunter als das eintönige Bild, das wir von ihr haben Und wo sonst als im Theater darf man die grellen Farben noch benutzen! Großer Applaus!