Anne Leppers Sprachmusik für die Theaterbühnen

Florian Jahr, Bettina Kerl und Edgar Eckert in der Aufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Florian Jahr, Bettina Kerl und Edgar Eckert in der Aufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Foto: Sebastian Hoppe
Am Schauspielhaus Düsseldorf wurde jetzt das Stück "La Chemise Lacoste" uraufgeführt. Ein Werk der viel gespielten Gegenwarts-Dramatikerin Anne Lepper.

Düsseldorf..  Sie sei sich gar nicht sicher, sagt Anne Lepper, ob das, was sie da schreibe, „überhaupt Stücke sind. Vielleicht sehen sie nur so aus.“ Und dann blitzt ihr Lachen: „Hahahahaha!“ Nunja. Immerhin fünf ihrer Texte sind in den letzten Jahren an Theatern zwischen Hannover und München aufgeführt worden; Kritiker wählten die gebürtige Essenerin im Fachmagazin „Theater heute“ zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2012, zugleich wurde ihr Drama „Käthe Herrmann“ zu den Mülheimer Stücke-Tagen eingeladen; 2013 erhielt Anne Lepper den Dramatikerpreis vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, sie schreibt Texte im Auftrag des Theaters Basel und des Dortmunder Theaters, zudem ist sie in dieser Saison Hausautorin am Nationaltheater Mannheim.

Bad im Beifallsregen

Und am Wochenende freute sich Anne Lepper fast ein bisschen verlegen über den langen, warmen Beifallsregen für die Uraufführung ihres Stücks „La Chemise Lacoste“ im Düsseldorfer Schauspielhaus, das die gebürtige Katalanin Alia Luque dort in Szene gesetzt hat, mit vorsichtigen, aber nie entstellenden Kürzungen, die das Stück auf 90 Minuten Spiellänge bringen.

„La Chemise Lacoste“ ist ein typisches Lepper-Stück. Die Figuren sind keine Charaktere, sie sind Typen, sind Mischungen aus Schemen und Schemata. Viel markanter ist, was sie sagen: Sätze, wie ausgestanzt aus der Wirklichkeit, aber sorgfältig komponiert zu einer fast unverkennbar Lepper’schen Sprachmusik. „La Chemise Lacoste“ spielt im Tennismilieu, in jener oberen Mittelschicht, der sich nach wie vor die Mehrheit der Deutschen zugehörig fühlt. Felix, der glücklichste unter sieben Brüdern, hat mit Hilfe des Staats den Aufstieg in diese Schicht geschafft, die sich durch eine beinahe gläserne Decke aus ungeschriebenen Benimmregeln und winzigen Erkennungszeichen wie dem grünen Krokodil auf dem Tennisdress nach unten hin abgrenzt. Felix, der Balljunge, wird in wenigen Augenblicken von zwei „Kollegen“ zum unerwünschten Parvenü gestempelt. Manchmal spricht die bessere Gesellschaft im Chor und immer im Bewusstsein der eigenen Überlegenheit.

Dazugehören und Exklusivität

Es wird nach Hause telefoniert, die Elektropopper von Human League dürfen ihr „Don’t you want me“ nölen und die Kostüme der Uraufführung (Ellen Hoffmann) sind tiefgefrorene 80er. Trotzdem ist es ein Gegenwartsstück, denn der bürgerliche Jargon ist längst von postmoderner Buntheit, da mischen sich Anspielungen auf Goethe, Loriot und Adorno mit dumpfer Ideologie.

Auch im zweiten Teil geht es um Dazugehören und Exklusivität, nun verlegt sich die Szene auf eine Party. Und auch hier ist die Zweiteilung der Gesellschaft in „In“ und „Out“ klarer als die Bedeutung der Sätze zwischen den Zeilen. Dass sie oft ins Surreale, ins Groteske ufern, lässt uns lächeln über den Unsinn, den auch wir manchmal reden.

Und wie komponiert die Autorin diesen Lepper-Sound? „Ich versuche, es so zu schreiben, dass ich es gerne lese“, sagt die scheue Autorin. Das ist einer ihrer längsten Sätze im Gespräch. Schreiben – ist das für sie Arbeit oder Rausch? „Weder noch.“ Aha? „Im besten Fall macht es mich froh.“ Man rechnet fast damit, dass Anne Lepper gleich sagt, sie sei sich gar nicht sicher, ob sie eine Autorin sei. Aber dann müsste man lachen. Mit ihr zusammen.

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