Anna, die „anders“ war - bewegendes Buch über NS-Opfer

Ein „Stolperstein“ in Gedenken an Anna Lehnkering
Ein „Stolperstein“ in Gedenken an Anna Lehnkering
Foto: NRZ
Anna Lehnkering wurde 1940 von den Nationalsozialisten ermordet, weil sie als „erbminderwertig“ galt. Ihre Nichte schrieb ein bewegendes Buch über sie – und fordert, auch unser heutiges unser Verhältnis zum Anderssein zu überdenken.

Essen.. Anna Lehnkerings Geschichte spielt in der Vergangenheit; dass sie hier erzählt werden kann aber, verdanken wir dem Internet. Es war an einem Abend im Oktober 2003, als Sigrid Falkenstein ihren Familienstammbaum digitalisieren wollte und „Anna Lehnkering“ in eine Suchmaschine eintippte. Ihre Großmutter hieß so und auch eine Tante, von der sie beinahe nichts wusste. Sigrid Falkenstein wurde aufmerksam auf eine israelische Seite mit einer Namensliste von Opfern der NS-„Euthanasie“: Eine Liste mit Menschen, die von deutschen Ärzten während der nationalsozialistischen Zeit umgebracht wurden, darunter eine Anna Lehnkering, geboren am 2. August 1915 in Oberhausen Sterkrade, ihre Tante, die Schwester ihres Vaters.

Über „Änne“ wurde geschwiegen

Noch immer verrät ihre Stimme die Erschütterung dieses Augenblicks, die Verwirrung, die Wut. Sigrid Falkenstein, die heute in Berlin lebt, hat einen Teil ihrer Kindheit im Mülheimer Stadtteil Saarn verbracht, wo auch die Großmutter wohnte. Über deren früh gestorbene Tochter Anna, „Änne“ genannt, aber wurde in der Familie „nicht gesprochen“. Dass dieses so unverständliche Schweigen eine häufige Reaktion betroffener Familien ist, erfuhr Sigrid Falkenstein erst im Laufe ihrer Recherchen. Sie weiß inzwischen, dass die Stigmatisierung psychisch kranker und geistig behinderter Menschen und ihrer Familien dabei eine große Rolle spielt. „Das Schweigen in den Familien ist Spiegel eines jahrzehntelangen gesamtgesellschaftlichen Verdrängungsprozesses und nicht selten mit Scham- und Schuldgefühlen verbunden“, sagt sie. Ihr Buch, in dem sie Annas Schicksal schildert, hat denn auch diesen Zweck: Anderen den Blick in die familiäre Vergangenheit leichter zu machen.

Sigrid Falkenstein erfuhr, dass Anna im Rahmen der „Aktion T4“ ermordet wurde, der in den Jahren 1940/41 mehr als 70000 Menschen zum Opfer fielen, weil sie als „erbminderwertig“ und „wirtschaftlicher Ballast“ galten: „Euthanasie“ nannten die Nationalsozialisten die Vernichtung sogenannten „unwerten“ Lebens. Insgesamt fielen etwa 300000 psychisch kranke, geistig und körperlich behinderte Menschen diesem Mordprogramm zum Opfer.

„Nervös“ und „zu schwächlich“

Sie fragte ihren Vater nach seiner Schwester Änne, „lieb“ sei sie gewesen, sagte dieser – aber nein, erinnern könne er sich kaum. Immer wieder betrachtete Sigrid Falkenstein das Foto, das sie von Großmutter und Tante besaß: Änne als hübsches kleines Mädchen, mit einer großen weißen Schleife im Haar. In mühevoller Arbeit suchte Sigrid Falkenstein nach Dokumenten, Patientenakten, Zeugnissen eines Lebens, das mit nur 24 Jahren endete.

Schon als kleines Mädchen, steht in ihren Akten, war Anna „nervös“. Zunächst als „zu schwächlich“ für die Schule befunden, wurde sie mit sieben Jahren eingeschult und bereits nach kurzer Zeit an die Hilfsschule überwiesen. 1931 leistete Annas Mutter einer Überweisung in die „Provinzial-Kinderanstalt für seelisch Abnorme“ in Bonn Folge. 1932 durfte Anna wieder nach Hause zurück. Das System aber vergaß sie nicht. Aufgrund eines „beträchtlichen angeborenen Schwachsinns“ stellt der Oberhausener Gesundheitsamtsleiter im September 1934 den Antrag auf Unfruchtbarmachung. Im Februar 1935 wird Anna im Evangelischen Krankenhaus in Mülheim zwangssterilisiert, eine von etwa 360000 Menschen, die dieses Schicksal ereilte. „Was mich richtig geschockt hat“, sagt Sigrid Falkenstein: „Ich bin 1946 in der gynäkologischen Abteilung eben dieses Dr. Krause, der die Sterilisation an Änne vorgenommen hatte, geboren worden.“

Zwei Jahre später, 1936, ist Anna wieder Patientin im Evangelischen Krankenhaus, diesmal wegen einer Nierenerkrankung. Der behandelnde Arzt empfiehlt ihrer Mutter die Anstaltspflege. Am 21. Dezember bringt diese ihre 21-jährige Tochter in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, drei Tage vor Weihnachten – „ich glaube heute, dass sie massiv unter Druck gesetzt wurde“, sagt Sigrid Falkenstein. Die erschütternden Leidensjahre Annas sind in ihrer Patientenakte dokumentiert: Anna wird als „lästig“ beschrieben, als „schwierig“, „mürrisch“, sie habe viel geweint und immer wieder nach Hause gewollt.

War Anna wirklich erblich belastet?

Im März 1940 stirbt Anna, aber nicht an einer Bauchfellentzündung, wie es später im Brief an die Familie heißen wird. Sie ist eine von 457 Patientinnen und Patienten, die in die Vernichtungsanstalt Grafeneck in Baden-Württemberg deportiert wird, eingepfercht in zehn Waggons eines Sonderzuges der Deutschen Reichsbahn. Sigrid Falkenstein zeichnet Annas letzte Stunden sehr genau nach, den Transport, die „Untersuchung“ durch einen Arzt, den Gang zu den „Duschräumen“. Am 7. März 1940 erstickt Anna Lehnkering in der Gaskammer.

War Anna wirklich erblich belastet, wie es die Ärzte der Familie weismachen wollten? Und was erzählt uns Annas Geschichte heute? Wie stehen wir denn zu jenen, die „anders“ sind? Diese Fragen treiben Sigrid Falkenstein noch immer um. „Die Generation meines Vaters war geprägt von den erb- und rassehygienischen Ideen des Nationalsozialismus“, sagt sie und setzt schnell hinzu, „davon sind wir heute natürlich weit entfernt“. Aber: „Ich glaube, dass wir uns immer noch schwerer tun, über eine psychische Erkrankung zu sprechen als über ein körperliches Leiden.“

Das Gesunde als Ideal

Noch immer gilt uns das Perfekte, das Gesunde, als Idealbild. Ende September erscheint ein Buch, in dem die Kölnerin Monika Hey erzählt, weshalb sie ein erbgutgeschädigtes Kind abtreiben ließ – und dies heute bitter bereut. So hilfreich pränatale Diagnostik sein kann, scheint es doch allmählich so, als würde Eltern eine Entscheidung für das Nicht-Normale (und gegen die Abtreibung) heute immer schwerer gemacht. Zwar spielt in einem der Kino-Blockbuster des Jahres ein Querschnittgelähmter die Hauptrolle. Doch im Gespräch mit dem „Spiegel“ schildern Philippe Pozzo die Borgo, dessen Geschichte in „Ziemlich beste Freunde“ verfilmt wurde, und Samuel Koch, der nach der Wetten-Dass-Sendung Querschnittgelähmte, wie schwierig Alltagsbegegnungen mit Gesunden sind: „Die Leute haben Angst vor uns.“

Sigrid Falkensteins Buch gibt Anna ihre Würde zurück. Sie erlaubt ihren Lesern, sich mit Anna zu identifizieren. Mit Anna, die „anders“ war und darum ermordet wurde.

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