Amerika lesen - Das sind die spannendsten neuen Romane aus den USA

Britta Heidemann
Teju Cole hat einen New-York-Roman geschrieben.
Teju Cole hat einen New-York-Roman geschrieben.
Junge amerikanische Autoren-Stars erzählen von amerikanischen Alpträumen – und der Hoffnung aufs bessere Morgen. Wir stellen die spannendsten neuen Romane aus den USA vor.

Essen. Unbegrenzt sind die Möglichkeiten in diesem Land, sich selbst zu verlieren. Die jungen literarischen Stars der Stunde erzählen von heimatlosen Wanderungen durch New York, den heilsamen Riten des Baseballs oder den zarten Tönen der Rockmusik. Stets aber geht es auch darum, wie der Einzelne sich schützen kann. Vor den Übergriffen anderer. Und vor sich selbst.

Teju Cole flaniert

Im Krieg bezeichnet der Begriff Open City eine Stadt, die wehrlos ist: Der Gegner darf sie besetzen. Teju Cole, der 1975 in Nigeria geboren wurde und als Jugendlicher in die USA kam, hat seinen New-York-Roman „Open City“ (Suhrkamp, 333 S., 22,95 €) mit Bedacht betitelt. Sein Held Julius, ein junger schwarzer Psychiater, durchwandert die Stadt, die ihm von der Vergangenheit, von Tod und Einsamkeit erzählt. Doch Julius betrachtet den Tod einer Nachbarin mit ebenso kühlem Blick wie, sagen wir, das Sterben von Ladenketten. Und selbst auf den Vorwurf, er habe als Junge in Lagos einst ein Mädchen vergewaltigt – nämlich die Frau, die er doch liebt! – reagiert er mit Fühllosigkeit. Einzig in der Beschreibung von Literatur, Kunst oder Musik scheint er Empfindungen ausdrücken zu können. „Open City“ ist das großartige, knallharte Porträt einer mitleidlosen Gesellschaft.

Kevin Wilson lacht

Mitleidlos: So muss man wohl sein, wenn man seine Kinder zwingt, um der Kunst willen zu stehlen, zu lügen, andere zu betrügen – und sich selbst vielleicht auch. Kevin Wilson, geboren 1979 in Tennessee, erzählt eine extrem skurrile Story: „Die gesammelten Peinlichkeiten unserer Eltern in der Reihenfolge ihrer Erstaufführungen“ (Luchterhand, 382 S., 14,99 €). Caleb und Camille Fang sind Performance-Künstler, die mit ihren Kindern Annie und Buster („Kind A“ und „Kind B“) bevorzugt in Einkaufszentren schräge Kunstaktionen abziehen: Ladendiebstahl, Ruhestörung, Ärger aller Art. Jahrzehnte später ist Buster ein Journalist, den nichts aus der Ruhe bringt. Von Irak-Veteranen in Nebraska lernt er beispielsweise die Kunst des Kartoffelkanonen-Schießens: „Man muss Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit man sich nicht zu Tode langweilt.“ Ach, Amerika.

Chad Harbach siegt

Dem Himmel so nah sind die Leser mit Chad Harbachs Debüt „Die Kunst des Feldspiels“ (Dumont, 607 S., 22,99 €), dabei geht es doch nur um Baseball. Aber wie! Der Sport wird zur Metapher fürs gesellschaftliche Gefüge und der Selbstbehauptung des Einzelnen. Die Würfe des Helden Henry Skrimshander, eines Jahrhundert-Talentes, werden zu Schicksalslinien, sein Versagen zum Test fürs ganze Team. Am Ende siegt der Glaube an sich selbst. Harbach selbst hat das erlebt: Auf zehn Jahre Schreibarbeit folgte eine mühselige Verlagssuche – und dann der Bestsellererfolg. Ach. Amerika!

Jennifer Egan rockt

Es gibt durchaus Momente in Sashas Leben, in denen sie glücklich ist: wenn sie andere bestohlen hat. In ihrer New Yorker Wohnung lagert sie Brieftaschen und Kinderschals, Kulis und Schraubenzieher. Jennifer Egan gehört mit dem Geburtsjahrgang 1962 zwar nicht mehr zu den ganz jungen Schriftstellern, ihr Roman „Der größere Teil der Welt“ aber strotzt nur so vor jugendlicher Kraft und erzählerischen Einfällen – und gewann den Pulitzer Preis 2011. Egan erzählt, in großartig knappen Sätzen, vom Schein und Sein in der Musikszene und der Frage, wie echt sich das eigene Leben anfühlt.

John Jeremiah Sullivan !

Die Geschichten von John Jeremiah Sullivan sind nicht ausgedacht, sondern echt: Reportagen. Der Band „Pulphead“ (Suhrkamp, 416 S., 20 €) aber beweist, dass der 1974 geborene Journalist von US-Kritikern zu Recht als Literat gefeiert wird. Stets macht er sich zum eigentlichen Subjekt – eine Ich-Zentriertheit, die vielleicht amerikanisch ist, vor allem aber unterhaltsam. In einer Story geht es darum, dass er sein Haus als Drehort für die Soap „One Tree Hill“ zur Verfügung gestellt hat – und sich selbst darüber fremd wurde. Ein andermal mischt er sich unter die Anhänger christlicher Rockmusik. Sie bitten: „Schreib meinetwegen, dass wir einen Knall haben, aber schreib auch, dass wir Gott lieben.“ Näher kann man dem großartigen, seltsamen Land der unbegrenzten Entblößungen kaum kommen.