„Also ääährlich!“ - Warum wir uns auch heute noch gerne an Jürgen von Manger erinnern

In seiner Rolle als Adolf Tegtmeier wurde Jürgen von Manger - hier bei einer Fernsehsendung mit Anneliese Rothenberger im Jahr 1977 - zur Ruhrgebiets-Ikone.
In seiner Rolle als Adolf Tegtmeier wurde Jürgen von Manger - hier bei einer Fernsehsendung mit Anneliese Rothenberger im Jahr 1977 - zur Ruhrgebiets-Ikone.
Foto: Imago Stock & People
Vor 20 Jahren starb Jürgen von Manger. Sein „Adolf Tegtmeier“ hat dem Humor des Ruhrgebietes einen unvergleichlichen Stempel aufgedrückt. Viele Komiker nach ihm hat Tegtmeiers besonderer Witz geprägt, beeinflusst, inspiriert. Für uns erinnern sich Dr. Stratmann, Uwe Lyko, HG. Butzko und Kai Magnus Sting.

Essen.. Gerade habe ich ein paar Stunden mit meinem alten Kumpel Adolf Tegtmeier verbracht. Leider nicht persönlich, denn das geht ja nun nicht mehr. Tatsächlich sind wir uns nie über den Weg gelaufen. Doch immer, wenn ich ihm wiederbegegne, meist auf einer seiner unvergleichlichen Hörspiel-Platten, fühlt es sich an, als wären wir tatsächlich Freunde gewesen.

Woher das kommt, dieses Gefühl? Natürlich kommt es von der Sprache. Von einer Sprache, die ich verstehe, mit der ich aufgewachsen bin und die ich doch so gut wie nie selbst spreche. Nicht, dass wir uns missverstehen: Niemand im Ruhrgebiet spricht genau wie Tegtmeier, heute nicht – und wahrscheinlich nicht vor über 50 Jahren, als der Kumpel mit der Kappe die Bühne betrat.

Von Manger war ein feiner Sprachbeobachter

Aber Jürgen von Manger, der Erfinder des Adolf Tegtmeier, war ein feiner Sprachbeobachter und nahm die Wendungen von dort, wo sie ihm begegneten: auf der Straße, auf dem Fußballplatz, an der Bude. Er war der Erste, der diesen Dialekt offen nach außen trug, denn im Ruhrgebiet, da schämte man sich damals ein bisschen der eigenen Herkunft und der eigenen Schnauze. Es war, als hätte der Kohlenstaub einen zum „Schmuddelkind“ gemacht – und die Sprache gleich mit.

Jürgen von Manger schenkte seinem Tegtmeier ein ungeheuer differenziertes Ausdrucksvermögen. Es war eine Sprache, die stets an Grammatik und Wortschatz scheiterte, wenn er versuchte, in höhere geistige Sphären vorzudringen. Eine Sprache der Überdehnung („Also ääährlich!“). Und es ist eine Freude zuzuhören, wie klug und passend er zwischen „das“ und „dat“ unterschied.

Zersägte Schwiegermütter, Fahrprüfer auf der Haube

Doch da war noch mehr. Es war diese anscheinende Unbedarftheit, mit der Tegtmeier auf seine Themen losstolperte, und die in eine tiefsinnige Boshaftigkeit umschlagen konnte – was ihm unvergängliche Pointen einbrachte. Wir wissen noch, wie er die Schwiegermutter gesägt hat, den Fahrprüfer auf den Kühler nehmen wollte und... ach, was nützt das Aufzählen?

All das brachte ihm unzählige Freunde ein, aber auch Feinde. Jene, die sich durch seinen subversiven Humor in ihrer bürgerlichen Doppelmoral entlarvt sahen. Und jene, die fanden, dass ein Tegtmeier das Image des Ruhrgebiets schädige. Genau das hat er nicht getan, im Gegenteil. Und dafür danken wir Jürgen von Manger, der heute vor 20 Jahren in Herne gestorben ist, noch immer. Ääährlich.

Wie sich Tegtmeiers Nachfolger an Jürgen von Manger erinnern

Wie das Leben so spielt: Ich habe einmal direkt neben Jürgen von Manger an einem Tisch gesessen. Ich war 16, jobbte nebenbei als Bürobote bei der „Welt“ in Essen. „Tegtmeier“ ist da auf dem Betriebsfest aufgetreten, danach saß ich tatsächlich an Jürgen von Mangers Tisch.

Doktor Stratmann: „Mit 16 saß ich neben ihm“

Ich kannte ihn eigentlich gar nicht, in dem Alter hatte man ja andere Themen. Und während die andern am Tisch wahrscheinlich viel zu viel Respekt hatten, habe ich von Manger hemmungslos gelöchert. Er war unheimlich nett, keine Spur überheblich. Dass man mir gut 40 Jahre später den „Ehren-Tegtmeier“ verleiht, davon hatte ich damals natürlich keinen blassen Schimmer.

Ob dieser Tegtmeier heute noch erfolgreich wäre? Er hätte es bestimmt nicht leicht: Der Comedy-Trend schreit nach einer irren Gag-Dichte. Von Mangers Stärke aber waren die Beobachtung, das Hören auf die Sprache und bis heute unerreichte Milieustudien.

Uwe Lyko ("Herbert Knebel"): „Ich hatte den Dialekt drauf!“

Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier war neben den Beatles, Sigi Held, Lothar Emmerich und den Marx Brothers ein Held meiner Kindheit. Die erste Begegnung fand im Deutschunterricht statt. Ein damals junger, aufgeschlossener Lehrer hatte die Schallplatte mit dem Schwiegermuttermörder und der Fahrprüfung dabei und legt auf.

Für den 12-jährigen Uwe erschloss sich eine neue Welt des Humors. Wir in Duisburg sprachen zwar ganz anders „Ruhrgebiet“, aber das war wohl gerade das Witzige für uns, dieser breit gezogene westfälische Einschlag. Nach ein wenig Üben hatte ich den Dialekt drauf, zur großen Freude meiner Klassenkameraden und musste dann zu jeder Gelegenheit im Freundes- und Familienkreis „tegtmeiern“.

In späteren Jahren entpuppte sich die Tegtmeier-Figur leider eher als Fluch für mich. Weil gerade in den ersten Jahren meiner eigenen Karriere allzu oft Vergleiche zwischen dem Knebel und dem Tegtmeier herhalten mussten. Dabei sind beide doch so verschieden: vom Temperament, von der Sprache, vom Gestus.

Kai Magnus Sting: „Meine Omma hatte eine Platte“

„Meine Omma hatte eine Tegtmeier-Platte. Die habe ich schon als Siebenjähriger gehört. Wusste wahrscheinlich damals noch nicht wirklich, was mir das alles sagen sollte, aber ich merkte: Das ist etwas Besonderes. Denn Jürgen von Manger verstand es wie kaum ein anderer, den Menschen hier im Ruhrgebiet über den Weg vom Mund direkt ins Herz zu schauen.

Und er besaß die große Gabe, das, was er alles aufnahm, auf die Bühne zu bringen. Liebevoll, pointiert, darstellend im wahrsten Sinne des Wortes, nie bloßlegend.

Er verstand es, den Charakter der Menschen aus dem Pott genau zu treffen. Alles irgendwie Originale eben. Und für diese Originale und ihre Geschichten hatte von Manger ein Gespür.

Jürgen von Mangers Tegtmeier: Ein Unikum in der deutschen Kabarett- und Kleinkunstszene; ein Wegweiser in Sachen Ruhrgebietshumor.

Ein Menschenbildner.

Und letztlich zählte bei Tegt­meier, wie immer im wahren Leben: Mensch bleiben!

Meine Verehrung!

Weiß Bescheid!“

HG. Butzko: „Er war ein Visionär von politischer Brisanz“

Jürgen von Manger war ein Visionär von politischer Brisanz. Mir war es als 6-Jähriger Anfang der 70er-Jahre vergönnt, im elterlichen Wohnzimmerschrank sowohl Schallplatten als auch ein dazu kompatibles Spielgerät benutzen zu dürfen, bei dem man den Deckel des Gerätes noch abheben musste, um darin einen sogenannten Lautsprecher vorzufinden. Jüngere Leser mögen an dieser Stelle den Begriff „mono“ googeln.

Was ich dann zu hören bekam, war nichts Geringeres als eine Nummer namens „der Kleinaktionär“, in der ein gewisser Adolf Tegtmeier der Sekretärin vom Chef vom Volkswagenwerk die Zusammenhänge von Börse, Wirtschaft und Geld erklärt hat. Eine Erklärung, die seit Ausbruch der Bankenkrise nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. Und alle, die sich wegen der jüngsten Verwerfungen an den Kapitalmärkten überrascht zeigten, hätten einfach mal nur Jürgen von Manger hören müssen. Zeit genug wäre dafür gewesen.

Zum Weiterlesen und -hören:

Bücher: Jürgen von Manger: „Der Abschied“ und andere Stückskes aus dem Nachlass und „Bleibense Mensch!“ Träume, Reden und Gerede von Adolf Tegtmeier, beide bei Henselowsky Boschmann, je 9,90 €.

„Passt bloß auf, Ihr alten Heinis“/„Dat is vielleicht ein Dingen“, Roof, 2 CDs, ca. 18 Euro;

Tegtmeier – Die komplette Serie, Universal, DVD, ca. 10 Euro

 
 

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