Alltags-Problemchen und Suggestion

Düsseldorf..  Sarah und Abraham können keine Kinder bekommen. Die beiden quälen sich. Bis sich Sarah entschließt, ihre Sklavin Hagar zu bitten, mit ihrem Mann zu schlafen, um endlich ein Kind zur Welt zu bringen. Diese alttestamentarische Geschichte um den Urvater aller Völker und Religionen setzt der Schweizer Saxophonist Daniel Schnyder in Wort und Ton, nennt es eine Oper, die jetzt aus der Taufe gehoben wurde. Ein aufwendiges, von Stiftungen und Privat-Sponsoren gefördertes Projekt, das das Düsseldorf Festival nicht im Opernhaus, sondern in der Johanneskirche am Martin-Luther-Platz in Szene setzen ließ.

Eine Oper aus einem Guss, im klassischen Sinne, ist „Abraham“ sicherlich nicht. Die Story um die verführerisch schöne Hagar, ihren Sohn Ismael und den zweiten Sohn Isaak, den dann später doch noch Sarah gebiert, gleicht eher einem weltmusikalischen Hirtenspiel im Stile einer Missa Criola. Reichlich Chorszenen, die manchmal Kirchentags-Atmosphäre vermitteln, bilden den Rahmen – gesungen und gespielt von den Laienchören der Johanneskirche und der Kreuzkirche in Bonn, wo das Opus nächste Woche ebenfalls zu erleben sein wird.

Auf einem Podest in der Kirchenmitte (wo sonst die Gemeinde sitzt) beschwören die Figuren das Alte Testament – die Wiege der drei monotheistischen Religionen. Schnyder erzählt die archaische Entwicklung der Familie Abrahams mit all’ seinen Facetten. Er transponiert sie so stark in unsere Zeit, dass die Sprache beinah läppisch wirkt. An Dialoge in Vorabendserien, wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, erinnern viele Sätze - wie „Ich bin schwanger“, „Ich will nicht mit ihm schlafen“, Das Schicksal ist hart“, oder „Ich will hier weg“ … Wie Regisseur Gregor Horres die Gruppenbilder arrangiert, wie er Abraham in Cordhose, Hagar in knallengen Jeans und Sarah in weit wallendem Mantel agieren lässt, erinnert ebenfalls an weniger archaische denn an prosaische Typen und Alltags-Problemchen. Aufgesetzt erscheinen die Szenen, in denen der kommentierende Chor unvermittelt die Arme hebt und droht, mit Steinbrocken auf die anderen loszugehen.

Suggestiv indes ist Schnyders musikalischer Mix aus Sprechgesängen und Soli in der Art französischen Impressionismus’, Jazz in schnurrigem Hollywood-Sound, a bissel Richard Strauss und dann plötzlich Kirchenchoräle. Sängerische Qualität bieten besonders die beiden Frauen: Theresa Nelles besticht mit ihrem leuchtenden hohen Sopran als Sklavin Hagar, die zunächst demütig zweifelt, nach der Geburt von Ismael aber zur Herrin in Abrahams Haus mutiert. Der warm strömende Alt von Rena Kleifeld passt exzellent zur weisen Sarah, die aber auch zu hochfahrenden Eifersuchts-Ausbrüchen fähig ist. Mischa Schelomianski müht mit röhrendem Bass als Urvater, der an Gottesurteilen hadert und erst zur Ruhe kommt, als sein Sohn Isaak (Raphael Pauß mit leicht dramatischem Tenor) ihn auffängt.

Insgesamt ein ambitioniertes Projekt, das in mehr als zwei Stunden im zweiten Teil zu zerfransen droht, und musikalisch mehr zu bieten hat als szenisch. Letzteres dank Kantor und Dirigent Wolfgang Abendroth, der mit eiserner Energie und klaren Einsätzen das Werk zusammenhält und einmal mehr seine Vielseitigkeit unter Beweis stellt. Jubel für alle.

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