"Alice im Wunderland" als ruheloser Reigen der Traumtänzer

„Alice in Wonderland“ getanzt – im Musiktheater im Revier.
„Alice in Wonderland“ getanzt – im Musiktheater im Revier.
Foto: Costin Radu
Der Choreografie des Brasilianers Bongiovanni macht "Alice in Wonderland" am Musiktheater im Revier zu einem temporeichen Theatertraum.

Gelsenkirchen.. Das weiße Kaninchen rast ohne Ruh, der verrückte Hutmacher dreht am Rad, der Herzkönigin ist nach Mord, die Teeparty gerät aus den Fugen: Die Figuren aus „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll begeistern seit nunmehr 150 Jahren und inspirierten Künstler aller Genres zu immer neuen Interpretationen. Eine ganz fantastische Sichtweise gelingt jetzt am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier. Mit der bildgewaltigen, atemlos abgedrehten Choreografie des Brasilianers Luiz Fernando Bongiovanni verwandelt das Ballett im Revier das Wunderland in einen temporeichen, magisch-poetischen Theatertraum. Großer Premierenjubel im Kleinen Haus.

Zuschauer dicht am Geschehen

Mit Walt Disneys zuckersüßer Filmfigur hat diese Alice nichts mehr gemein, eher mit der makabren TV-„Addams Family“: Bongiovanni stellt mit dem Mädchen auf der Suche nach der eigenen Identität einen punkig-morbiden Teenager auf die Bühne, der in einen Strudel absurder Geschichten gerät und am Ende die Liebe findet. Francesca Berruto tanzt mit dunkel verschatteten Augen und im schwarzen Kleid präzise, mit jugendlicher Frische und eleganter Leichtigkeit eine Alice, die staunt und starrt, die mal verängstigt, mal neugierig in immer neue Konstellationen gerät, die sie abschrecken wie anziehen. Ein verrückt-verrätselter Trip jenseits des Alltags, den die Eltern (brillant Ayako Kikuchi und Junior Demitre) verkörpern, und zu dem Alice am Ende erstarkt wieder zurückkehrt.

Diese Choreografie nimmt das Publikum hautnah mit ins Wunderland. Die Bühne ragt weit ins Parkett hinein, die Zuschauer sitzen an drei Seiten dicht am Geschehen. Das multifunktionale Bühnenbild von Britta Tönne, eine Wand aus unzähligen Türen, öffnet wie ein Adventskalender Törchen mit immer neuen Überraschungen und üppigen Bildern. Hieraus entspringt das weiße Kaninchen, das Valentin Juteau kraftvoll und mit Humor tanzt. Hier öffnet sich eine Tür, hinter der poetisch Seifenblasen tanzen, während das fantastische Ensemble synchron über die Bühne „schwimmt“. Eine Klappe fällt auf und heraus torkelt die böse Königin, von Bridget Breiner spitzenmäßig als hysterisch aufgedrehte Furie im blutdurchtränkten Kleid getanzt. Schillernde Gesellen (Kostüme Ines Alda) schleppen das Equipment für die absurde Teeparty herbei.

Temporeich, überdreht - ein Tanz der Träume

Was diesen Abend, getanzt auf hohem Niveau, besonders macht, ist der rasche Wechsel von temporeichen, psychedelisch überdrehten Szenen zu leisen, wenn der Spuk wie ein Traum verschwindet und Alice allein bleibt. Forciert wird der ruhelose Reigen wunderbarer Traumtänzer durch die treibende Klangcollage des Brasilianers Eduardo Contrera, der sich der unterschiedlichsten Musikzitate vom Barock bis hin zu Klängen des Avantgardisten Alfred Schnittke bedient.

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