Aktionskünstler HA Schult: Der Macher und sein Müll

Essen. Begnadeter Selbstdarsteller mit Vokuhila-Frisur: Der Aktionskünstler HA Schult wird 70 und kann es selbst nicht glauben. Müll ist das beherrschende Thema seiner Arbeiten - die "Trash People" wurden auf der ganzen Welt gezeigt. Ein Besuch in der Zweizimmerwohnung des Künstlers in Köln.

// Da, wo der Dom steht, wo die ganzen Touristen rumlaufen. Da, wo McDonald’s ist – genau da wohne er. »Ich habe zwei Zimmer mit Dusche«, witzelt HA Schult. Gemeint ist eine 800 Quadratmeter große Loftetage mitten in Köln. Eine Klingel gibt es nicht. Man soll das Telefon benutzen, wenn man vor der Tür steht, so war es verabredet. Doch der Gastgeber wartet nicht auf den Anruf, das wäre seiner Art auch fremd. Schult kommt runter und ruft laut über den Hof.

Lächelnd erscheint er hinter ein paar parkenden Autos. Der Künstler, ganz wie man ihn kennt: Mit blonder Nackenmatte, das schwarze Hemd über dem Bauch und der schwarzen Hose, die Krawatte kunterbunt gemustert.

Relikte aus der Vergangenheit

Nach der freundlichen Begrüßung besteigt man den Lastenaufzug und landet bald darauf mitten drin – in HA Schults Schaffen. Eine Armee von Müllmenschen okkupiert die riesige »Wohnküche«, umgeben von Relikten vergangener Aktionen auf dem komplett lila gefleckten Fußboden. Im Raum nebenan steht eine Sitzgruppe aus umgebauten Einkaufswagen, das monströse Bett im dekonstruktivistischen Schult-Design und eine farbverschmierte Gartenbank, über der noch viel mehr von den lustigen Krawatten hängen.

Es sieht aus wie eine Mischung aus Museum und Gesamtkunstwerk. Aber es ist Schults Zuhause. »Hier wohne ich, und hier arbeite ich auch«, sagt er und macht es sich gemütlich am Küchentresen. Im Schneidersitz auf dem Barhocker. Es wirkt ziemlich umständlich, wie er die verschränkten Beine ankippt, um sie auf dem Tisch vor sich abzulegen. Aber im Ergebnis scheint es gemütlich zu sein.

"Eloquenter Populist"

Man merkt ihm an, dass er sich Zeit nehmen will. Schult stellt Fragen, die von ehrlichem Interesse an seinen Gästen zeugen. Aber lieber erzählt er natürlich von sich selbst – es gibt sicher nicht viele, die das so gern und unterhaltsam tun wie er. Nicht ohne Grund genießt Schult den Ruf des begnadeten Selbstdarstellers. »Eloquenter Populist« wurde er genannt und »Solist seiner selbst«. Ein »PR-Profi«, wie es unter den Künstlerkollegen kaum einen zweiten gebe. An all dem ist viel Wahres dran.

Schult spricht über seine haarsträubenden Aktionen, über die Umwelt, über Politiker und Vorstandsvorsitzende, übers Kochen und seine Muse Elke Koska, über Besuchermassen, grandiose Medienerfolge, über die weltweite Wirkung seiner Kunst. Und es wird einem nicht langweilig beim Zuhören. Auch seine gnadenlose Überheblichkeit ist recht gut zu ertragen, wenn man versucht, zwischen all dem Eigenlob selbstironische Töne herauszuhören.

Alter als Irrtum

Weniger gern spricht der Künstler offenbar über den nahenden Geburtstag. Im Juni wird er 70. »Das muss ein Irrtum sein!« Also gut, dann suchen wir anderen Gesprächsstoff: Müll, bekanntlich Schults Lebensthema. Bei ihm daheim ist die Materie prominent präsent in der 30 Mann starken Abordnung von Müllmännern.

Schult hatte Mitte der 90er in einem Rutsch und mit der Hilfe von 40 fleißigen Mitarbeitern tausend dieser Skulpturen aus ausgewähltem Müll zusammengebastelt. Kaffeekannen, Coladosen, Kabel, Computertasten und Unmengen von Klebstoff – jede Figur ein Unikat. Alle zusammen marschierten sie 1996 im römischen Amphitheater von Xanten auf. Damals kam der Künstler auf die Idee, sie weiter reisen zu lassen und ihre Tour zum Teil durch Verkäufe zu finanzieren. Rasch ließ er tausend weitere produzieren, damit sie die zu Geld gemachten Schwestern und Brüder ersetzen konnten.

Die Orte haben ihn gesucht

Mit großem Einsatz, logistischem und auch diplomatischem Geschick organisierte der Künstler sodann den Trip der Tausend vom Niederrhein über Paris nach Moskau, wo die Scharen aus Schutt den Roten Platz bevölkerten. 2001 brachten sie es gar bis auf die Chinesische Mauer. Weitere Stationen der Weltreise lagen neben den Pyramiden, am Matterhorn und im Salzstock bei Gorleben, auf der Piazza del Popolo in Rom, auf der Plaza Real von Barcelona und auf der Domplatte im Schatten der Kölner Kathedrale.

»Anfangs habe ich die Orte gesucht, später dann haben die Orte mich gesucht«, sagt Schult. Und er weiß auch warum: So berühmte Gäste brächten Geld, das sei doch klar. Nach Brüssel etwa, wo die Armee 2005 für ein paar Tage auf der Grand Place Position bezog, kam immerhin eine Million Besucher, um sie zu sehen. »Jeder trinkt eine Cola, kauft Schokolade, bekommt ein Strafmandat, schon hat die Stadt 20 Millionen Euro mehr in der Kasse.«

Trash People gehen auf eine letzte Reise

Demnächst brechen die Publikumslieblinge zu ihrer letzten Fahrt auf. Diesmal geht es in die Antarktis. Danach ist Schluss mit der Reiserei. HA plant ein eigenes Museum, wo die Kumpels zur Ruhe kommen und sich auf ihren Lorbeeren ausruhen sollen. Denn spätestens nach dem Auftritt im ewigen Eis werden sie »die berühmtesten Deutschen« sein, da ist er sich sicher. »Berühmter als jeder Bundeskanzler – und vor allem länger im Amt.«

Würde er die Müllmenschen als sein wichtigstes Werk bezeichnen? »Nein, da wäre ich ja blöd«, sagt Schult entschieden. Sie seien das populärste, aber in den 40 Jahren seines Schaffens habe er durchaus wichtigere zu Stande gebracht. Da hat er wohl Recht. Zumal HA Schult damals, als er Ende der 60er anfing, Neuland betrat mit seinen Aktionen, die ihm später immer mehr zu publikumswirksamen Spektakeln gerieten.

39 Jahre alter Dreck

Hinten in der Ecke des Raums steht ein Requisit aus den frühen Jahren des Künstlers: Mit dem orangefarbenen Citroën Dyane war er einst von Museum zu Museum getourt. 20.000 Kilometer quer durch Deutschland in genau 20 Tagen, bis an den Rand des physischen Zusammenbruchs. Abends hielt er obendrein noch Vorträge über die Kunst und bettete sich anschließend in den Ausstellungshäusern zur Ruhe.

»Die Idee war, das Auto nicht abzumalen, sondern stattfinden zu lassen«, interpretiert Schult sich selbst. »Und damit es jeder glaubt, habe ich jeden Tag die Windschutzscheibe gegen eine neue ausgetauscht.« An der Wand im Loft hängen ein paar der Scheiben, bis heute klebt der 39 Jahre alte Originaldreck daran.

Ein Meer aus Papier

Die Aktion hat seinerzeit viel Furore gemacht. Noch mehr Aufsehen erregte aber gewiss der Kunst-Coup bei der Venedig-Biennale 1976, als Schult den Markusplatz komplett mit alten Zeitungen zuschüttete – »ein papierenes Meer«. Davon habe seinerzeit sogar die Prawda berichtet. Ein Jahr später in New York besorgte der selbsternannte »Macher« sich dann eine Cessna, ließ sie die Türme des World Trade Centers umkreisen und anschließend kopfüber in die riesige Müllkippe auf Staten Island stürzen. Das Ganze war gleichzeitig auf der documenta in Kassel zu sehen – »die erste Satellitenübertragung in der Kunst«, rühmt sich der Meister.

Die Liste größerer und kleinerer Aktionen ist lang. Und wenn HA Schult so sein Lebenswerk vorbeirauschen lässt, fehlt bei kaum einer dieser abenteuerlichen Operationen der Hinweis auf Besucheraufkommen oder Medienmeldungen, auf Presseorgane und ihre Auflagenzahlen.

Botschaft an die Welt

Warum ist ihm die weite, breite Wirkung so extrem wichtig? Das will Schult denn doch nicht stehen lassen: Natürlich sei die Qualität der Kunst nicht an solchen Zahlen messbar. Aber je mehr Leute seine Werke sähen und aufmerksam würden, umso höher sei schließlich auch die »Trefferquote«. Da klingt ein Gedanke an, der ihn von Anfang an umtreibt: die Message. Es geht Schult um Botschaften, die er mit seinen sensationellen Einfällen möglichst vielen Menschen auf packende und allgemein verständliche Weise vermitteln will. Immer wieder dreht der Künstler sich dabei ums früh gefundene Umweltthema. Er habe es entdeckt, lange bevor es zum zentralen Gegenstand von Wahlprogrammen wurde.

Ebenso früh hob HA Schult das Auto in seiner tragenden gesellschaftlichen Rolle auf die Bühne der Kunst. In großem Stil 1989 mit seiner Aktion »Fetisch Auto«, für die er so einige Ford Fiestas verschliss. Einer umkreiste die Turmspitzen des Kölner Doms, ein anderer schipperte den Rhein hinab, noch einer fand sich eingefroren in einem riesigen Eisblock auf der Domplatte wieder. Das Material lieferten die Fordwerke, mit denen der Künstler schon seit 1970 zusammenarbeitet. »Die sind noch immer sehr glücklich damit.« Sechs Vorstandsvorsitzende habe er kommen und gehen sehen, so rechnet der Künstler vor. Oder waren es acht?

Lohnende Kooperationen

Zum Deal mit dem Automobilkonzern gehört auch der Wagen vor Schults Haustür: »Es ist das Beste, was Ford zu bieten hat.« Ohne Scheu spricht der Künstler von seinen lohnenden Kooperationen mit großen Unternehmen und reichen Auftraggebern: Er male die Kinder betuchter Investmentbanker und Mops-Porträts für schwule Fernsehmoderatoren. Seine Müllmänner verscherbele er an Urologen, Gynäkologen oder reiche Bridgespielerinnen aus dem noblen Kölner Stadtteil Marienburg.

Auch aus seinen parteipolitischen Vorlieben macht der Meister kein Geheimnis. Im Wahlkampf unterstützt er Angela Merkel. »Weil ich die nett finde«, so die Erklärung. Und wie will er ihr helfen? »Ganz einfach, indem ich nett über sie spreche.«

Perfektes Dinner und wüste Beschimpfungen

So was tut HA beileibe nicht immer. Er wirkt so freundlich, kann aber auch anders. Das bewies er vor einem Jahr bei Vox im »Perfekten Promi-Dinner«, wo er seine Gäste mit Pfifferlingen, Wachtelei, Kaviar, riesigen Kalbskoteletts bekochte und beim Essen zu wüsten Beschimpfungen anhob. Eine Aktion, die ihm – vielleicht nicht ganz unkalkuliert – jede Menge heftiger Resonanz seitens der Medien und entsetzter Vox-Zuschauer einbrachte.

Bis zum Nachtisch waren Schults Promi-Gäste dermaßen verärgert, dass ihnen der Genuss von Erdbeeren mit Wodka endgültig vermiest schien. Den Fernsehauftritt habe ihm seine Sekretärin Frau Fröhlich eingebrockt, stöhnt der Künstler. Jetzt sei er auf der Suche nach einer neuen Sekretärin. Ein sehr schwieriger Job! Und was beschäftigt ihn zurzeit noch?

Er arbeitet an drei Büchern und organisiert den Antarktis-Trip seiner Müllmänner. Ein Eisbrecher muss organisiert werden, außerdem warme Klamotten, damit das mitreisende Publikum nicht einfriert. Und eine Violinenspielerin, die Schults Aktion »im Chor mit den Pinguinen« untermalen soll. Dazu muss »der Macher« die Satellitenschaltung ins Pariser Centre Pompidou und nach Karlsruhe ins ZKM sicherstellen.

Keine Zeit für eine Geburtstagsparty

Als weiteres Großprojekt steht Schults Museum auf dem Plan, wo die tausend Müllmänner und weitere Marksteine seines Schaffens auf Dauer stationiert werden sollen. Der Ort liege zwischen Hamburg und Berlin, so geheimnist er und spielt mit der verschleierten Auskunft auf Parchim an, jenes Städtchen in Mecklenburg-Vorpommern, wo HA Schult am 24. Juni 1939 zur Welt kam und auf den Vornamen Hans-Jürgen getauft wurde.

Wie wird HA seinen runden Geburtstag begehen – bei all der Arbeit? »Ich feiere nie Geburtstag«, erklärt er. »Denn ich habe das Glück, mein ganzes Leben in einem einzigen Fest verbracht zu haben. Ich bin nie ernsthaft krank geworden, musste mich nie allzu sehr über andere Menschen ärgern. Ich habe einen Beruf, um den mich Millionen beneiden.« Und mit Blick auf sein Werk aus 40 Jahren fügt er hinzu: »Dass ich das alles bis heute geschafft habe, ist für mich noch immer völlig absurd.« //

Text: Stefanie Stadel / erschienen in K.WEST Ausgabe Juni 2009

 
 

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