Abbas Khider und die Liebe zur Sprache der Deutschen

Abbas Khider im Interview  in Dortmund. Der deutsch-irakische Schriftsteller erhält den diesjährigen Nelly-Sachs-Literaturpreis der Stadt Dortmund.
Abbas Khider im Interview in Dortmund. Der deutsch-irakische Schriftsteller erhält den diesjährigen Nelly-Sachs-Literaturpreis der Stadt Dortmund.
Foto: Joachim Kleine-Büning
Das Deutsche hat dem Schriftsteller Abbas Khider geholfen, auch von Tragödien mit Distanz zu erzählen. Jetzt erhält der in Bagdad geborene 40-Jährige für seine Romane eine bedeutende Auszeichnung: den Dortmunder Nelly-Sachs-Preis. Ein Gespräch.

Dortmund. Politisch unbequem, saß Abbas Khider zwei Jahre in den Folterkellern Saddam Husseins. Nach einer Odyssee als illegaler Flüchtling durch Nordafrika und Südeuropa fand der Schriftsteller aus Bagdad in Deutschland eine Heimat. Auch seine bisher drei Romane hat Khider hier geschrieben – auf Deutsch. Im Gespräch mit Michael Kohlstadt erläutert der 40-Jährige, der am Sonntag den Nelly-Sachs-Literaturpreis der Stadt Dortmund erhält, warum.

Deutsch haben Sie erst als Erwachsener gelernt, aber nun schon drei Romane verfasst. Die Kritik lobt Ihren Stil. Dabei heißt es doch: Deutsche Sprache, schwere Sprache.

Abbas Khider: Ein besonderes Fremdsprachentalent habe ich eigentlich nicht. Mein Englisch ist mittelmäßig. Aber ich hab’s mit den alten Arabern gehalten, die sagen: Man soll lesen und lesen und lesen - dann erst darf man schreiben. Jedenfalls habe ich die deutsche Sprache gerne gelernt und sie nicht als besonders schwer empfunden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Arabisch noch viel schwerer ist. Nur mit den deutschen Artikeln musste ich immer aufpassen.

„Hitler und Lufthansa kannte ich schon in Bagdad“

Erinnern Sie sich noch an die ersten deutschen Wörter, die Ihnen begegnet sind?

Khider: „Hitler“ und „Lufthansa“ kannte ich schon in Bagdad. Das dritte Wort - „Scheiße“ - habe ich später oft als Asylbewerber in Bayern gehört.

Wie konnten Sie sich die Sprache derart schnell und sicher aneignen?

Khider: Mit Hilfe der Literatur und des Fernsehens. Zunächst habe ich viele deutsche Gedichte gelesen etwa von Hans-Magnus Enzensberger oder Else Lasker-Schüler und sie ins Arabische übersetzt. Dann habe ich diese arabische Version wieder zurück ins Deutsche übertragen. Eine gute Übung.

Eine Zeit lang habe ich in einem Münchener Krankenhaus geputzt. In der Mittagspause lief da immer „Richterin Barbara Salesch“. Das habe ich regelmäßig geguckt und - ich kann Ihnen sagen - wirklich sehr viel gelernt über die Deutschen und wie sie sprechen.

In wenigen Worten viel erzählen

Warum wollten Sie nicht mehr auf Arabisch schreiben?

Khider: Die deutsche Sprache hat viele schöne Seiten. Ich kann in wenigen Worten viel erzählen. Im Deutschen bin ich sehr viel systematischer und nicht so emotional wie in meiner Muttersprache.

Und besonders meine beiden ersten Romane hätte ich nicht auf Arabisch schreiben können. Da war so viel Traurigkeit in den Geschichten, so viel Betroffenheit. Ich mag Betroffenheitsliteratur nicht. Auf Deutsch konnte ich Distanz zu den Geschehnissen aufbauen.

Syrien, Ägypten, Libanon - vom arabischen Frühling ist nicht viel geblieben.

Khider: Da bin ich optimistischer. Vor dem Arabischen Frühling 2011 kannten die Araber nur Diktaturen. Die arabische Bevölkerung war wie ein Mann, der in einem Zimmer ohne Fenster und Türen lebte. Nun sind einige der Wände kaputt gegangen. Das finde ich großartig. Es hat sich soviel verändert. Die jungen Menschen der Region haben erkannt: Ja, wir können etwas verändern. Und sind denn Rückschläge nicht normal? Denken Sie, wie lange Europa gebraucht hat, um so friedlich zu werden.

„Vielfalt ist wichtig“

Sie sind als mittelloser Asylbewerber hierher gekommen. Liest man Ihren ersten Roman „Der falsche Inder“, war die Willkommenskultur nicht gerade herzlich. Wie fremdenfeindlich ist Deutschland?

Khider: Vielfalt ist wichtig, das haben die meisten Deutschen längst kapiert. Es gibt aber einen unsichtbaren Rassismus, den ich häufig in Behörden angetroffen habe. Und die Flüchtlingspolitik ist armselig. Die Politiker müssen endlich begreifen, dass Flüchtlinge, etwa die in Lampedusa, keine Zahlen sind, sondern Menschen. Menschen, aus denen einmal Wissenschaftler werden können oder gute Fußballer.

Inzwischen sind Sie Deutscher, haben ihren irakischen Pass zurückgegeben.

Khider: Zurückgeben müssen. Für mich ist der deutsche Pass wichtig, weil ich mich damit in der Welt frei bewegen kann. Versuchen Sie mal, als Iraker in die USA zu reisen! Ich habe aber auch gesehen, was Papiere aus Menschen machen. Als Asylbewerber musste ich stundenlange Grenzkontrollen über mich ergehen lassen. Mit deutschem Pass dauert das nicht mal eine Minute. Das ist traurig. Ich bin doch derselbe Mensch.

„Ich weiß, wie Flüchtlinge leben“

„Der falsche Inder“ gibt ungewöhnliche Einblicke in den Flüchtlingsalltag.

Khider: Ich war Teil dieser Welt. Ich weiß, wie Flüchtlinge leben, wie sie fühlen und was ihre Träume sind. Es ist eine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen. Wer nicht dabei war, kann das kaum beschreiben.

Es sind harte, zum Teil erschütternde Erlebnisse, die Sie schildern. Wie haben Sie überlebt?

Khider: Ich hatte Glück.

 
 

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