500 Hundezähne für die letzte Ruhe

Riesige Erdhalden türmen hinter den beiden Tischen, die der Archäologe Markus Wehmer mit seinen Mitarbeitern auf einem Feld in der Nähe von Nordhausen aufgebaut hat. Auf den Tischen sind Schätze ausgebreitet, die lange Zeit unter der Erde verborgen waren - archäologische Funde von hoher Qualität.

Nordhausen (dapd-lth). Riesige Erdhalden türmen hinter den beiden Tischen, die der Archäologe Markus Wehmer mit seinen Mitarbeitern auf einem Feld in der Nähe von Nordhausen aufgebaut hat. Auf den Tischen sind Schätze ausgebreitet, die lange Zeit unter der Erde verborgen waren - archäologische Funde von hoher Qualität.

"Das hier sind die Überreste aus einem Grab der mittleren Bronzezeit", sagt Wehmer, und zeigt mit klammen Fingern auf eine grünstichige bronzene Lanzenspitze und eine Gewandnadel. Die Tische sind übervoll mit Schalen, Bechern, Halsringen und den verschiedensten anderen Gerätschaften.

Mehr als 10.000 Einzelstücke und etwa 30 Überreste von Gebäuden aus der Jungsteinzeit bis zur Eisenzeit wurden auf den Feldern entdeckt - unter anderem auch die bislang älteste bekannte Siedlung in Thüringen, die den Archäologen zufolge um 5.600 vor Christus entstanden sein muss.

Etwa eineinhalb Jahre lang haben die Wissenschaftler das etwa 100 Hektar große Gebiet unter die Lupe genommen. "Das Areal ist die größte zusammenhängende Ausgrabungsfläche, die es je in Thüringen gegeben hat", erklärt der zuständige Gebietsreferent des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, Mario Küßner. In ein paar Monaten soll hier das neue Gewerbegebiet "Goldene Aue" entstehen. Noch etwa fünf Wochen haben die Archäologen Zeit, die wichtigsten Funde zu sichern. Danach soll das Gebiet großflächig aufgefüllt und bebaut werden.

Fachleute überrascht von Umfang der Funde

"Wir wussten immer, dass hier umfangreiche Funde zu erwarten sind", sagt Küßner. Immer wieder seien Tonscherben zum Vorschein gekommen. Die guten Böden und die günstige Lage hätten dafür gesorgt, dass sich bereits vor mehr als 7.500 Jahren die ersten Menschen hier niederließen.

Dank umfangreicher geomagnetischer Voruntersuchungen hätten die Wissenschaftler sehr gezielt graben können. Die Bedeutsamkeit der Funde hat am Ende jedoch selbst die Fachleute überrascht. So wurde neben der alten Siedlung auch eine seltene Kreisgrabenanlage aus der Zeit um 4.800 vor Christus gefunden. Genutzt wurde diese nach derzeitigem Stand der Wissenschaft unter anderem für rituelle Zwecke, astronomische Beobachtungen und für Versammlungen. "Noch dreitausend Jahre später war dieser Platz ein 'Kraftort' für die Bewohner. Viele ließen sich bis in die Hallstadtzeit (um 750 vor Christus) hier begraben."

Luxusbeerdigung im XXL-Grab

Bisher einzigartig in Mitteldeutschland sei auch ein 40 Meter langes und 10 Meter breites Hügelgrab, sagt der Wissenschaftler. Vor etwa 6.000 Jahren war die Anlage für eine hochgestellte Persönlichkeit, einen zum Todeszeitpunkt etwa 45-jährigen Mann, errichtet worden. Eine spektakuläre Erscheinung muss eine Frau gewesen sein, die um 2.500 vor Christus hier zur letzten Ruhe gebettet wurde. Bei ihrer Beerdigung trug sie einen Mantel, der mit 2.000 Muschelringen und 500 Hundezähnen besetzt war.

In der frühen Eisenzeit wurde es schließlich ruhiger in der Gegend, sagt Küßner. Warum die Bewohner das Land eines Tages verlassen haben, können die Wissenschaftler heute nicht erklären. Dass die alten Verkehrswege jedoch noch lange funktionierten, zeigten Wagenspuren aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. "Das sind Überreste der Alten Leipziger Straße, die sich durch Sedimentanlagerungen bis heute erhalten haben", sagt Küßner. An der verkehrsgünstigen Lage hat sich hingegen bis heute nicht viel geändert. Wo einst Holzkarren Richtung Osten rumpelten, verläuft heute die Autobahn 38.

"Ein Teil der Fundstücke wird sicher in der Region bleiben", kündigte Kultusminister Christoph Matschie (SPD) an, der am Donnerstag zur Präsentation der Fundstücke nach Nordhausen gekommen war. Wegen der immensen Bedeutung für ganz Thüringen würden aber auch viele Stücke vermutlich einmal im Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte zu sehen sein. Immerhin lieferten die Funde eindrucksvolle Zeugnisse aus der frühesten Siedlungsphase im Freistaat.

dapd

EURE FAVORITEN