Kuss vor dem Untergang: Szene aus „Marija“ am Schauspielhaus Düsseldorf. Foto: Uhlig
Kuss vor dem Untergang: Szene aus „Marija“ am Schauspielhaus Düsseldorf. Foto: Uhlig
Foto: Bernd Uhlig
Der deutsche Regiestar Andrea Breth wurde stürmisch am Düsseldorfer Schauspielhaus gefeiert. Andrea Breths Bühnenfassung von Isaac Babels Roman „Marija“ ist ein packender Theaterabend.

Düsseldorf. Sieht aus, als habe man im Hause Mukownins die neue Zeit verschlafen. Ein Salon mit Klavier, etwas heruntergekommen. Ludmilla, die Tochter des Generals, ein blondes Fräulein, rüstet sich fürs Rendezvous. Samtkleid, teure Ohrringe. „Ich würde die Wimpern nicht tuschen“, rät ihre Cousine Katja.

Großes Menschentheater

Wie recht sie behalten soll! Draußen ist nichts mehr, wie es war. Es ist 1920, der Zar ist tot, die Straße gehört den Schiebern, Spekulanten und Nutten. In die Morgendämmerung des Stalinismus verfrachtet Isaak Babels „Marija“ die Düsseldorfer Theatergemeinde seit Samstag. Andrea Breth schuf aus dem Roman von 1935 zwei Stunden pralles Menschentheater: spannend, mitreißend und verstörend.

Gerade 40 Seiten ist Breths Fassung für das Schauspielhaus. Ein knackiger Text, der auf der Bühne kraftvoll daher kommt. Wir sind in Petrograd. Die Oktoberrevolution hat alles verändert. Der zaristische General Mukownin und seine Familie zählen zu den Außenseitern der Gesellschaft. Alle Hoffnungen ruhen auf Marija, die für die Rote Armee an der Front kämpft. Die Hauptfigur, die nie in Erscheinung tritt.

Regie in knappen Szenen

Raimund Voigt hat eine wunderbare Guckkasten-Bühne geschaffen, die Salon ist, Absteige oder das finstere Polizeirevier, auf dem Ludmilla von der Tscheka, der sowjetischen Polit-Polizei, gefoltert wird. Den Weg dahin erzählt die Regie in knappen Szenen.

Breth treibt das Innere zum Äußersten. Was sind das für Figuren! Wie brutal, kaputt und dumm! Dies ist ein Lehrstück, das zeigt, was Elend aus Menschen macht, ausgefeilt bis in kleinste Nebenrollen wie die Prostituierte Dora (Marianne Hoika), eine lebende Karikatur, oder Njanja (Bärbel Bolle), die alte brave Kinderfrau, die ihre Hände festhält, damit sie nicht so zittern.

Brillante Schauspieler

Der General schreibt ein Buch und hofft auf eine Wiedereinstellung unter den Bolschewiki; ein kranker, sanfter Mann (Peter Jecklin). Seine Tochter gibt Marie Burchard als naives Mädchen, das nicht weiß, wie sehr sie sich mit ihrer Koketterie gefährdet. Imogen Kogge als Katerina „Katja“ Felsen ist nicht weniger als ein Ereignis: klug, leise und hart wie Granit. Und einem wie Rittmeister Wiskowski (Gerd Böckmann), Ludmillas Vergewaltiger, möchte man nie begegnen. Ein koksendes Scheusal, abgebrüht, bedeutungslos, ganz auf sich zurückgeworfen.

In acht Bildern prallen Welten aufeinander. Da hocken die Invaliden (Pierre Siegenthaler, Benno Ifland, Moritz Löwe), mit deren Hilfe der Jude Markowitsch (Klaus Schreiber) Geschäfte macht, beim Wodka. Daneben sitzt Ludmilla und plaudert sich in die Katastrophe. Und als Katja im Kerzenschein Marijas Brief vorliest, ein Frontbericht, der klingt, als käme er vom Urlaub auf Ibiza, kann man die Hoffnungslosigkeit fast greifen.

Marija kommt nicht, natürlich nicht. Am Ende wird die Wohnung des Generals renoviert. Proleten ziehen ein, ihnen ist alles „viel zu groß“. Die Putzfrau Njuschka (Janina Sachau) reißt das Fenster auf. Marschmusik erklingt. Sie verrenkt sich für einen skurrilen Freudentanz. Ihr Gesicht ist eine Grimasse. Das Lachen wird ihr noch vergehen.

 
 

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