Zwischen Kabarett und Comedy

Diethelm Textoris
Florian Schröder im Hansesaal
Florian Schröder im Hansesaal
Foto: WR

Lünen.  Kurt Tucholsky hat die Frage: „Was darf die Satire?“ mit „Alles“ beantwortet. Wenn es in der jüngeren Kabarettszene jemanden gibt, der diese Grenzenlosigkeit in seinem Programm voll zu Geltung bringt, dann ist es Florian Schroeder. Der mehrfach ausgezeichnete und auch von seinen älteren Kollegen hochgelobte gerade mal 30-jährige „Dienstleistungskabarettist“ begeisterte sein Publikum am Sonntagabend im Hansesaal mit „Du willst es doch auch“.

Immer ganz nah am aktuellen politischen Geschehen reißt Schroeder bewusst die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy ein und würzt dabei seine Ausführungen mit scharfen Analysen, intelligentem Nonsens und gekonnten Parodien. Tabus sind ihm fremd.

Er erlaubt sich, die Regierungskoalition als typische Minderheitsregierung zu bezeichnen, mit einem „bekennenden Schwulen“ als Außenminister, einem „Waisenkind aus Vietnam“ als Gesundheitsminister, einen Wirtschaftsminister aus der Adenauer-Zeit und einem „alten Mann im Rollstuhl“, der als Finanzminister sein gesamtes Wissen aus seiner aktiven Rolle bei der Parteispendenaffäre einbringen kann.

Er hat auch eine Erklärung, warum die Kanzlerin gegen den Pranger für Kinderschänder ist. „Sollen denn die Namen von Hunderten von Pfarrern im Internet genannt werden?“ Und für den SPD-Vorsitzenden Gabriel hat er einen Tipp zur Popularitätssteigerung: „Er kann doch wie Steinmeier Organspender werden und Parteimitglied Thilo Sarrazin ein bisschen Hirn spenden.“

Schroeders Parodien sind in stimmlicher Hinsicht und Gestik genial und dabei unerschöpflich. Er braucht nur beide Hände in die Luft zu heben und das Gesicht zu verziehen, schon weiß das Publikum, dass die „Perle von der Uckermark“ gemeint ist. Er hat sie alle drauf: von Guttenberg bis Westerwelle. Reden von Stoiber und Oettinger spielt er life ein, weil sie im Original schon kabarettreif sind. Und als Ottfried Fischer in „Ottis Schlachthof“ nimmt er die Eigenheiten und Eitelkeiten seiner Kollegen auf Korn und liefert so „Kabarett im Kabarett“. Auch seine eigene „IMM-Generation“ bleibt nicht verschont. Die machen „Irgendwas mit Medien“, sind den ganzen Tag „online“ und arbeiten an Projekten, die nie einen Abschluss finden. Und diejenigen, die einen „Bätscheler“ Abschluss, den „McDonald’s des Bildungssystems, schaffen, werden als „Coach“ Unternehmensberater nach der Devise: „Was du selber nicht kannst, bring wenigstens anderen bei.“

Zum Schluss steht noch einmal Satire pur auf dem Programm, wenn Schroeder den Zuschauern rät, zu heiraten. „Denn nur wer heiratet, hat die Chance, sich wieder scheiden zu lassen.“ Dabei vergleicht er den Verlauf der Ehe mit dem Lebenszyklus eines Konsumprodukts und kürzt mathematisch Geld und Gefühl heraus, so dass nur noch Lügen übrigbleiben. Zugegeben, auch das Lüner Publikum muss manchmal tief Luft holen, bevor es lacht. Bei der oft atemberaubenden Geschwindigkeit des Vortrags wird sich der eine oder andere Lacher vielleicht auch erst am folgenden Tag einstellen. Wenn mancher Gag nicht ankommt, so liegt auch das in der Absicht des Kabarettisten, denn seiner Meinung nach ist „ein gewisses Maß an Unverständlichkeit notwendig, damit Bewunderung möglich ist“.