Zur Loveparade stellt sich die Frage der Schuld

Rainer Schaller /(l.) und Adolf Sauerland bei der PK am Tag nach dem Unglück             Foto: Stephan Eickershoff
Rainer Schaller /(l.) und Adolf Sauerland bei der PK am Tag nach dem Unglück Foto: Stephan Eickershoff
Foto: WAZ FotoPool

Essen. Nach dem Loveparade-Unglück wurde jetzt offiziell gegen 16 Personen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Lopavent-Chef Rainer Schaller und Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sind nicht darunter.

Sie hatten Bedenken, und sie hatten sie auch geäußert. Zumindest in den Wochen vor der Loveparade. Und mancher, der nun als Beschuldigter gilt, hatte teilgenommen an der nun schon legendären Sitzung vom 18. Juli 2010 in den Räumen von Lopavent. Anja Geer etwa, die Leiterin des Bauordnungsamtes, hatte danach in einem Brief an ihren Dezernenten Jürgen Dressler all ihre Bedenken zusammengefasst. „Die Knackpunkte“: Das fehlende Brandschutzkonzept und die zu schmalen Fluchtwege. Nun ist Anja Geer eine von 16 Beschuldigten, denen die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vorwirft.

Schon seit Wochen ahnte man im Duisburger Rathaus, wer ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten war. Auch hatte man jedem von ihnen bereits einen Rechtsanwalt zur Seite gestellt. Neben den beiden Dezernenten Jürgen Dressler (Bau) und Wolfgang Rabe (Ordnung und Sicherheit) sind das Peter Bölling, der Leiter des Ordnungsamtes, seine Stellvertreterin, die die Projektleitung für die Loveparade übernommen hatte. Anja Geer, eben die Leiterin des Bauaufsichtsamtes, und ihr Stellvertreter, daneben noch zwei Mitarbeiter des Bezirksamtes.

Dressler lehnte Verantwortung ab

Und nicht zuletzt Herr J. von der Bauaufsicht. Jener Herr J., der am Ende die „Genehmigung einer vorübergehenden Nutzungsänderung“ für das Güterbahnhofsgelände am 24. Juli unterschrieb. Ohne Vornamen, ohne Hinweis auf seine Funktion. Am 21. Juli war das, drei Tage vor der Loveparade.

Ein einfacher Sachgebietsleiter, nicht mehr. Sein oberster Chef, Baudezernent Dressler, hatte bereits kurz nach dem Gespräch bei Lopavent handschriftlich notiert, das er die Verantwortung nicht übernehmen mag. Wortwörtlich schrieb er damals: „Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung ab.“

Die Problemstellung hatte die Bauamtsleiterin auf demselben Papier skizziert – und auch wie Ordnungsdezernent Rabe auf sämtliche Einwände reagiert hatte: „Herr Rabe stellt in diesem Zusammenhang fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse. Er forderte 62 (das Bauamt) auf, an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten... schließlich wolle der OB die Veranstaltung“.

Gegen OB Sauerland wird nicht ermittelt

Am Ende, das ist bekannt, gab es keinerlei Bedenken mehr. Vielleicht wurden sie unter den Tisch gekehrt, vielleicht unbürokratisch beseitigt. Dass jetzt derjenige, der die Veranstaltung so unbedingt wollte, OB Adolf Sauerland, nicht oder noch nicht zum Kreis der Beschuldigten gehört und womöglich juristisch nicht zur Verantwortung gezogen wird, verblüfft, ja verärgert manchen Mitarbeiter in der Duisburger Stadtverwaltung.

„Uns geht es darum, die dritte und die vierte Reihe zu schützen“, hört man nun aus dem Duisburger Rathaus, und vielleicht sind damit jene gemeint wie der Sachgebietsleiter J., der eine, der am Ende seine Unterschrift leistete.

Fahrlässige Tötung und Körperverletzung

Sein oberster Dienstherr, Sauerland, ließ indes mitteilen, dass er alles mögliche tun werde, um die von den Ermittlungen betroffenen Mitarbeiter zu unterstützen. Er nannte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft einen „normalen und erwarteten Schritt“. Sauerland: „Ich bin überzeugt, dass wir alle nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und keine Amtspflichten verletzt haben“, erklärte der Oberbürgermeister Duisburgs. Genau das hatte sich die Stadtspitze in einem Rechtsgutachten attestieren lassen. Die nun eingeleiteten Ermittlungsverfahren sprechen eine andere Sprache.

Fahrlässige Tötung und Körperverletzung lauten die Vorwürfe. Er sei „so etwas wie dankbar“, sagte Dezernent Dressler, gegen den nun ermittelt wird. „Es ist mehr als angemessen, wenn meine Leute nicht alleingelassen werden“, wenn also nicht nur gegen weisungsbebundene Mitarbeiter, sondern auch deren Vorgesetze ermittelt werde.

 
 

EURE FAVORITEN