Wuppertaler Familie erhält Unterstützung gegen behindertenfeindliche Vermieterin

Foto: Volker Speckenwirth (WR)

Wuppertal. Gisela Schmidt hat eine zugesagte Wohnung in Wuppertal doch nicht bekommen, weil sie ein behindertes Enkelkind hat. Kein Einzelfall: In den letzten drei Wochen hat es in NRW zwei weitere Fälle von Diskriminierung gegeben. Der Behindertenbeauftragte des Landes NRW will die Familie des behinderten Jungen bei einer Klage unterstützen.

„Erstmal tief durchatmen.“ Das war die erste Reaktion, als Hans Bernd Engels von Gisela Schmidt las, die eine zugesagte Wohnung in Wuppertal doch nicht erhielt, als die Vermieterin erfuhr, dass die 64-Jährige ein behindertes Enkelkind hat. Wenige Stunden später traf sich der Vorsitzende des Beirates für Menschen mit Behinderungen mit der Behindertenbeauftragten der Stadt, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die beiden sind sich einig: „Wir wollen mit der Vermieterin reden und ihr einmal erklären, was Behinderung überhaupt bedeutet.“

Besonders betroffen zeigte sich Engels auch deshalb, weil das jüngste Beispiel bereits der dritte Diskriminierungs-Fall in den letzten drei Wochen gewesen sei: In Remscheid war einem fünfjährigen Kind mit Downsyndrom ein Kinobesuch verwehrt worden, in Wuppertal hatte ein Sportstudio einen 18-jährigen geistig-Behinderten abgewiesen. „Ich weiß nicht, was schlimmer ist“, bilanzierte er. „Dass diese Bedenken offen geäußert werden oder dass es fadenscheinige Erklärungen gibt. Aber unterschwellig läuft immer irgendetwas.“

Sandra Heinen, Wuppertals Behindertenbeauftragte, war nach eigener Aussage „entsetzt“, als sie von dem Verhalten der Wuppertaler Vermieterin erfuhr: Jene Frau hatte einen Rückzieher mit dem Mietvertrag gemacht, weil sie meinte, ihr und den anderen Bewohnern des Hauses sei die Anwesenheit eines autistischen Kindes „nicht zuzumuten“. Außerdem hätten die Mieter dann Anspruch auf 25 Prozent Mietminderung.

„Diese Geschichte hat mich wirklich geschockt“, sagte Heinen. „Dass man so offen und unmittelbar seine Vorbehalte formuliert, habe ich noch nicht erlebt.“ Ein Eindruck, den auch Carl-Wilhelm Fössler vom Forum behinderte Juristen und Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Köln teilt: „Es ist erschreckend, mit welcher Unverfrorenheit und Selbstverständlichkeit einem so etwas an den Kopf geknallt wird und dass sich jemand so sicher ist.“

Vom Grundsatz her könne in einem solchen Fall das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) herangezogen werden, das Bürger vor der Diskriminierung durch andere Privatpersonen schützen will. Gleichwohl halte er es für schwierig, Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

„Hier geht es jetzt um Grundsatzfragen“

Der Behindertenbeauftragte des Landes NRW, Norbert Killewald, will jedoch Kontakt mit der Familie aufnehmen und sie bei einer Klage unterstützen. Seiner Ansicht nach könnten sich die Betroffenen auf Artikel 3 des Grundgesetzes und die UN-Behindertenrechtskonvention berufen. „Die Konvention besagt, dass wir seit März 2009 zu einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe verpflichtet sind – ob beim Thema Wohnen, Arbeiten, Kultur oder Sport. Daran müssen wir uns messen lassen.“ Weil Gisela Schmidt selbst zugegeben habe, dass sie nach dem Verhalten der Vermieterin an der Wohnung ohnehin keinerlei Interesse mehr habe, spiele ein Mietrechtsverfahren jedoch keine Rolle mehr. „Hier geht es jetzt um Grundsatzfragen“, sagte Killewald. „Und da kann man jeden nur ermutigen, diese von einem Gericht klären zu lassen.“

Schmidts Tochter Bianca Müller (37), die mit ihrer Familie in Ennepetal lebt, freute sich über die große Medien-Resonanz, auf die der Artikel über ihren autistischen Sohn Aaron gestoßen war. „Ich finde es gut, dass das ein Thema ist und andere Menschen einmal erfahren, was passieren kann, wenn man ein behindertes Kind hat.“

Nicht immer jedoch sind die Erfahrungen so negativ, wie die, die ihre Mutter jetzt bei der Wohnungssuche gemacht hat. Das zeigte der Anruf von WR-Leser Jürgen Schilken: „Ich war erbost, als ich von der Vermieterin las. Das darf man so nicht stehen lassen, sondern muss zeigen, dass es auch andere Menschen gibt“, betonte er. Der 44-jährige Geschäftsmann aus Ennepetal ist dafür das beste Beispiel: Er bot Gisela Schmidt spontan ein kleines Haus zur Miete an. Besuch von behinderten Kindern willkommen...

 
 

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