Wohnlage bestimmt die Kreditwürdigkeit

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Essen. Sag mir, wo du wohnst, und ich sage dir, wie kreditwürdig du bist. Firmen bewerten Kunden immer öfter nach dem Wohnort. Zahlen Nachbarn Rechnungen nicht, bekommen auch andere Anwohner schlechte Noten. Und damit teurere Kredite und schlechteren Service. Datenschützer fordern härtere Gesetze.

Ihre Nachbarn sind arbeitslos, der Gerichtsvollzieher ist in Ihrer Straße Stammgast? Dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie keinen Handyvertrag bekommen oder bei Bestellungen immer um Vorkasse gebeten werden. Im Einzelfall geben Banken Ihnen sogar keine Kredite oder nehmen besonders hohe Zinsen.

Spezialisierte Martketingfirmen sammeln nämlich fleißig Informationen über die einzelnen Straßenzüge und verkaufen die Daten an Unternehmen, Versandhandel und Banken. Bei Straßenbegehungen wird zum Beispiel der Zustand der Häuser bewertet. Statistische Daten über die Zahlungsmoral in einzelnen Bezirken werden anhand von Informationen aus dem Versandhandel und von Auskunfteien ausgewertet. Gesammelt werden sogar Daten über die Autoklassen, die in den Vierteln gefahren werden, um den sozialen Status der Menschen in den Siedlungen zu beurteilen.

Verbraucher in Sippenhaft

Eine einkommensschwache Nachbarschaft kann also für Verbraucher weit reichende Folgen haben. Sie werden in Sippenhaft genommen. Die Bewertungen sind nicht personenbezogen, sondern in Wohnviertel mit mindestens vier Häusern zusammengefasst.

Die Bewertung der Kunden nach ihrer Adresse, das Geoscoring, kann sich zum Beispiel auf die Konditionen beim Versandhandel auswirken – die Unternehmen geben Waren dann nur noch bei Vorkasse heraus. Oder in Call-Centern sind Kunden länger in der Warteschleife, wenn sie mit einer Vorwahl aus Bezirken anrufen, die für das Unternehmen „uninteressant“ sind. In Einzelfällen bekommen Bankkunden sogar Kredite mit höheren Zinsen, weil ihr Viertel als einkommensschwach gilt.

Das Geschäft mit den Daten floriert

Für die Verbraucherschützer ist das Problem Geoscoring kaum zu greifen. Schließlich erfährt der Kunde nichts über seine schlechte Bewertung, kann seinen „Punktestand weder einsehen noch korrigieren. Zudem findet der Handel mit den Daten oft im Verborgenen statt. Fakt ist allerdings: Das Geschäft floriert. Das bestätigt Beate Wagner von der Verbraucherzentrale NRW.

„Zu uns kommen die Kunden, die dann keinen Handyvertrag oder einen Kredit nur mit sehr hohen Zinsen bekommen“, erklärt die Datenschutzbeauftragte der Verbraucherzentrale NRW. „Der Betroffene bekommt ja gar nicht mit, wie er eingestuft wurde und aus welchem Grund. Der merkt nur, dass ihm etwas erschwert oder verwehrt wird.“

Und die Klagen der Verbraucher häufen sich. „Das Geschäft mit den Daten boomt. Das sehen wir im Ergebnis“, sagt Beate Wagner. „Wir bekommen immer mehr Beschwerden von Kunden.“

Datenschützer fordern neue Gesetze

Verbraucher- und Datenschützer in NRW fordern darum jetzt dringend neue Gesetze und vor allen Dingen mehr Transparenz. „Geoscoring liegt rechtlich gesehen in einer Grauzone. Im Grunde genommen ist es momentan legal, weil für die Händler Vertragfreiheit gilt“, erklärt Bettina Gayk vom Landesdatenschutz NRW. „Wir finden es bedenklich, dass der Kunde gar nicht die Möglichkeit hat, seine Angaben beim Geschäftspartner richtig zu stellen, weil er davon in der Regel gar nichts weiß.“

Fraglich ist das Geoscoring nach Ansicht der Datenschützer in NRW aber auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. „Wenn eine Bewertung nach Wohnort um sich greift, kann Ghettoisierung die Folge sein. Wer merkt, dass er wegen seiner Wohnlage Schwierigkeiten im Geschäftsleben bekommt, wird versuchen umzuziehen.“

Die Datenschützer fordern deswegen, die Adressbewertung nicht in die Einschätzung der Kunden mit einzubeziehen. „Es handelt sich hier um eine statistische Annahme und nicht um eine tatsächliche Einschätzung aufgrund persönlicher Daten“, sagt Sprecherin Bettina Gayk. „Da fordern wir ganz klar neue Gesetze.“

Nur wenige Kunden kennen das Scoring-Verfahren

Aufklärungsbedarf besteht in jedem Fall. Eine Studie aus diesem Jahr zum Thema „Scoring im Praxistest“ besagt: „In einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung aus November 2007 geben 12 Prozent an, dass sie den Begriff „Scoring“ kennen. Zwar wissen rund 10 Prozent der Bevölkerung, dass Scoring-Verfahren zur Einstufung der Kreditwürdigkeit eines Kreditnehmers herangezogen werden, aber nur einer verschwindend kleinen Minderheit von 0,8 Prozent ist ausdrücklich bewusst, dass das Scoring direkte Auswirkungen auf Kreditkonditionen wie Kredithöhe oder Kreditzins hat.“

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