Wissenschaftler sammeln Fluchtberichte

Monika Salzmann
Zwei Projekte, die sich der Erschließung von Zeitzeugenberichten zu obigem Thema widmen, stellten Dr. Heinke Kalinke (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg) und Dr. Ralf Meindl (Berlin) am Mittwoch beim „Lüdenscheider Gespräch“ im Institut für Geschichte und Biographie der FernUni vor.
Zwei Projekte, die sich der Erschließung von Zeitzeugenberichten zu obigem Thema widmen, stellten Dr. Heinke Kalinke (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg) und Dr. Ralf Meindl (Berlin) am Mittwoch beim „Lüdenscheider Gespräch“ im Institut für Geschichte und Biographie der FernUni vor.
Foto: WR

Lüdenscheid. Zeitzeugenberichte zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa – Familiengeschichten, Tagebücher, Fluchtberichte, Interviews und vieles mehr – besitzen für die wissenschaftliche Forschung wie für die interessierte Öffentlichkeit großen Wert.

Wer sich –etwa für eine Publikation oder eine Ausstellung – auf die Suche nach Erinnerungsberichten macht, muss größere und kleinere Sammlungen, staatliche Archive, Bibliotheken, Vereine, Museen oder Forschungseinrichtungen durchforsten. Teilweise sind die Quellen gut zugänglich, teilweise kaum bekannt.

Zwei Projekte, die sich der Erschließung von Zeitzeugenberichten zu obigem Thema widmen, stellten Dr. Heinke Kalinke (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg) und Dr. Ralf Meindl (Berlin) am Mittwoch beim „Lüdenscheider Gespräch“ im Institut für Geschichte und Biographie der FernUni vor. Gleichsam als „Work in progress“, noch nicht angeschlossen, bezeichnete Institutsleiter Professor Dr. Arthur Schlegelmilch die Erfassung und Sammlung von Erinnerungszeugnissen, die derzeit am Bundesinstitut läuft, und Meindls Arbeit an einem Online-Wegweiser, der momentan am Institut für Geschichte und Biographie entsteht.

Kommentierte
Edition

Nacheinander gaben die Volkskundlerin und der Historiker, vielen durch seine Tätigkeit an den Museen der Stadt bekannt, Auskunft zum Stand ihrer Forschungsarbeit.

„Es gibt eine weit größere Anzahl an Quellen als vermutet“, erklärte Dr. Heinke Kalinke, die auf die besondere Rolle der Erlebnisgeneration als Träger der Erinnerung zu sprechen kam. Eine differenziertere Analyse der gesammelten Quellen werde erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich sein. Verschiedene Phasen des Erinnerns sprach sie in ihrem Statement an.

Nach einer Hochphase habe Mitte der 60er bis in die 80er Jahre hinein wenig Interesse an Flucht und Vertreibung bestanden. Danach sei das Interesse wieder gestiegen, allerdings habe thematisch eine Verschiebung stattgefunden. In der kommentierten Edition mit exemplarischen Zeitzeugenberichten (Kooperation von Bundesinstitut und Institut für Geschichte und Biographie), mit der hauptsächlich der seit März in Berlin lebende Dr. Ralf Meindl befasst ist, soll die Fülle der Quellen gebündelt werden.

„Ein umfassendes Bild des deutschen Lebens soll gezeigt werden“, so der Historiker. Nicht nur Flucht und Vertreibung seien Thema. Auf Gründe, Erinnerungen, Bräuche, Traditionen, Lieder und andere Zeugnisse der eigenen Identität festzuhalten und den Wert, den sie für nachfolgende Generationen haben, ging er ein. Anhand ausgewählter Texte stellte er die Edition als Wegweiser für die Nutzung der Erinnerungszeugnisse vor. „Alles ist verschlagwortet. Die Kommentierung ist das Herzstück des Ganzen.“ Pro Quelle sind ein bis zwei Seiten Kommentar, in denen es um den historischen Kontext und die Darstellung der politischen Verhältnisse geht, vorgesehen. Auch Anekdoten sollen auf diese Weise nicht verloren gehen.