Wirtschaft fremdelt mit Wirtschaftsminister

NRW-Wirtschaftsminister Harry K. Voigtsberger. (Foto: Ute Gabriel / WAZ FotoPool)
NRW-Wirtschaftsminister Harry K. Voigtsberger. (Foto: Ute Gabriel / WAZ FotoPool)
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Essen.. Noch keine Landesregierung hat es geschafft, das Verhältnis zur Industrie so schnell zu zerrütten wie Harry K. Voigtsberger. Der NRW-Wirtschaftsminister nimmt es mit Terminen nicht so genau und sorgt mit Kritik an Unternehmen für Unmut.

100 Tage Amtszeit, so lautet eine Regel politischer Fairness, seien jeder Regierung und jedem Minister zuzugestehen, bevor die Leistungen auf den Prüfstand kommen. Die NRW-Landesregierung ist nunmehr seit 130 Tagen im Amt, und hört man sich in den Industrie-Unternehmen im Lande um, bleibt festzustellen: Noch keine Landesregierung, noch kein Wirtschaftsminister hat es geschafft, das Verhältnis zur Industrie so schnell zu zerrütten wie Harry K. Voigtsberger.

Nicht nur in der Landesregierung, auch bei den Unternehmen machen schon die Anekdoten die Runde vom rasenden Verkehrsminister (Voigtsberger ist auch für Verkehr zuständig), der es selten schafft, Termine pünktlich einzuhalten. In Brüssel kam er unlängst eine Stunde zu spät, als es um ein Treffen mit EU-Parlamentariern und den Einsatz für die heimische Steinkohle ging. Ein böser Patzer, schließlich sind die EU-Parlamentarier mit großem Selbstbewusstsein ausgestattet und selten willens zu warten.

Der Unmut ist groß

Zum parlamentarischen Abend des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) kam Voigtsberger ebenso zu spät wie zur Jubiläumsfeier der Steag Fernwärme, wo Voigtsberger einer der Redner war. Kleinlich könnte man sagen, wäre da nicht die große Missstimmung, die allerorten aus den Vorstandsetagen dringt, was die Bearbeitung von Einladungen und Terminen angeht. Der Unmut ist groß..Auf völliges Unverständnis in der Ruhr-Wirtschaft stieß die Entscheidung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die Vergabe des Förderpreises der Krupp-Stiftung auf Villa Hügel durch ihre Abwesenheit herabzusetzen. Eine Million Euro gibt die Stiftung zur Förderung der Wissenschaft. „Das wäre Johannes Rau nie passiert“, sagt ein Wegbegleiter.

Kaum erwähnenswert, dass für die Einweihung der größten Auslandsinvestition in den USA, das Thyssen-Krupp-Stahlwerk für fünf Milliarden Dollar in Alabama, kein Vertreter der NRW-Regierung Zeit findet.

Offensichtliche Gegnerschaft

Noch schlimmer als protokollarische Missachtungen ist aus Sicht der Wirtschaft die offensichtliche Gegnerschaft, in die sich der Minister zur Industrie begibt. Beim Bayer-Konzern, der sich wie Thyssen-Krupp durchaus als Spender im Lande einen Namen gemacht hat, schütteln Verantwortliche nur noch den Kopf. Nach der Bekanntgabe eines Abbaus von 1700 Stellen in Deutschland erregte sich der Minister beim parlamentarischen Abend des VCI darüber, dass er aus der Presse davon erfahren habe.

Bayer hingegen verweist auf Briefe und Faxe, die ins Ministerium und die Staatskanzlei geschickt worden waren. Am 18. November. Erst am selben Abend wurde der Abbau öffentlich.

Als seltsam empfindet man im Konzern die Kritik von Voigtsberger, Bayer müsse sich seiner Verantwortung stellen, da der Konzern auch dank 5,5 Millionen Euro öffentlicher Mittel durch die Krise gekommen sei. Zum Vergleich: Der Forschungs- und Entwicklungsetat von Bayer beträgt 3,1 Milliarden Euro, „wovon ein guter Teil in Forschungsstandorte wie Wuppertal und Monheim fließt“. Man sei über die Aussage „sehr verwundert“, zumal Bayer keine staatlichen Mittel für Kurzarbeit beansprucht habe. Die 5,5 Millionen Euro sind in ein gemeinschaftliches Forschungszentrum von Bayer und TU Dortmund geflossen.

 
 

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