Wir und das Restrisiko – von Ulrich Reitz

Ulrich Reitz

Manchmal hilft es, die Dinge vom Ende her zu denken. Atom-Moratorium hin, Brüderle her, es ist ziemlich klar, wie es ausgeht: Deutschland nimmt die alten Meiler vom Netz, erhöht die Auflagen für die übrigen und bekräftigt den endgültigen Ausstieg.

Was soll eine Dreimonats-Frist daran ändern? Was soll eine Ethik-Kommission noch sagen, wenn alles gesagt ist, sogar von allen? Insofern hat Brüderle (sein Dementi kommt nicht wahrheits-, sondern pflichtgemäß daher) ja recht: Der Rest ist Wahlkampf. Und weshalb auch nicht? Wahlkampf machen auch die Atom-Gegner. Der Unterschied ist: Sie mussten sich nicht korrigieren. Das Korrigieren einer Meinung im Angesicht neuer Fakten ist ja nicht schlecht, sondern eher schlau. Das Problem ist, dass die Regierung sich auch noch schlecht korrigiert.

Besonders erschrocken scheint die Industrie zu sein. Dieses Erschrecken ist berechtigt und könnte auch etwas Gutes haben. Bayers Pipeline, Eons-Kraftwerk, nun der Atom-Gau: Wer jetzt noch glaubt, er könnte im dicht besiedelten Deutschland Restrisiko-technologien einfach mal so durchsetzen, ist schief gewickelt. Wobei nicht die Technik das Problem ist; sie wurde immer sicherer. Das Problem sind die Menschen, sie wurden immer unsicherer. Vor 30 Jahren haben die Deutschen ganz andere Risiken ausgehalten, ohne sich groß Gedanken zu machen. Wirtschaftswachstum war Ziel Nummer Eins. Heute, nach Fukushima, lautet die Kernfrage: Was wollen wir noch riskieren?

Fazit: Schwarz-Gelb hat die Atom-Debatte verloren. Es geht nun um mehr als Wahlen: Eine neue Ethik für Risiko-Technologien. Ohne sie kommen wir nicht klar. Aber die Industrie muss völlig neu nachdenken: Wie sage ich das meinem Volk?