Wim Wenders - "Der europäische Film ist wieder da!"

Foto: Getty Images

Bochum. "Helle Freude" fühlt Regisseur Wim Wenders, weil der Europäische Filmpreis 2009 im Ruhrgebiet vergeben wird. DerWesten interviewt den Präsidenten der Europäischen Filmakademie, der in Oberhausen Abitur gemacht hat und erzählt, was der Preis bedeutet und was Ruhr.2010 der Region bringen wird.

Mehr als 2000 Filmschaffende aus fast 50 Ländern vereint die Europäische Filmakademie. Der Filmemacher Wim Wenders ist seit 1996 ihr Präsident und hat vor der Verleihung des Europäischen Filmpreises am Samstag in der Bochumer Jahrhunderthalle mit DerWesten über die Bedeutung der Auszeichnung und die Bedeutung der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 für die Region gesprochen.

Sie gehören zu den Filmschaffenden, die 1988 nach der ersten Verleihung des Europäischen Filmpreises die Europäische Filmakademie gegründet haben, sind seit vielen Jahren Ihr Präsident. Warum ist ein Europäischer Filmpreis wichtig?

Wim Wenders: Ich wünschte, diese Institution und dieser Preis wären schon 30 Jahre früher ins Leben gerufen worden, von einer Generation vor uns. Dann würde sich Ihre Frage von selbst erledigen... Der Europäische Filmpreis ist eine große Werbeplattform für das Europäische Kino. Die Verleihung wird in diesem Jahr in 44 Ländern ausgestrahlt, es erscheinen tausende von Beiträgen überall in der Welt, sei es im Fernsehen, Hörfunk, in den Printmedien oder im Internet. Als der Preis 1988 zum ersten Mal verliehen wurde, hatte das Europäische Kino in weiten Teilen den Kontakt zum Publikum verloren. Die über 20 Jahre, in denen wir viele großartige europäische Filme und Einzelleistungen ausgezeichnet haben, zeigen heute ihre Früchte: Der europäische Film ist wieder da!

Wie wichtig ist der Europäische Filmpreis Ihrer Einschätzung nach im Vergleich zu den anderen großen Auszeichnungen?

Wenders: Ein Vergleich fällt schon allein deshalb schwer, weil er der einzige europäische Preis ist, von der Gesamtheit der Akademie vergeben, und das sind über 2000 Mitglieder aus fast 50 Ländern! Auch mit den Festivalpreisen in Cannes, Berlin oder Venedig hinkt der Vergleich, denn der Europäische Filmpreis zeichnet Filme und individuelle Leistungen des zurückliegenden Jahres aus, während die großen Festivals Erstaufführungen prämieren, aus der ganzen Welt.

Und dann gibt es natürlich den immer wieder bemühten Vergleich mit dem Oscar – auch der passt nicht recht, denn das Europäische Kino und Hollywood gehören verschiedenen Welten an, auch wenn es manche Überschneidungen gibt (zum Beispiel "Der Vorleser" und "Slumdog Millionnär", die bei beiden Preisen wiederzufinden sind). Bei den Oscars feiert sich EINE nationale Industrie, bei uns viele, aus allen filmproduzierenden Ländern Europas. Und unsere Definition von Europa ist so weit gefasst wie möglich, also nicht identisch mit der EU.

Wie hat sich der europäische Film verändert, seit es den Filmpreis gibt, und wie seine Wahrnehmung – in Europa und dem Rest der Welt?

Wenders: Dem Publikum hat der Europäische Film vor allem eins bewiesen in den letzten Jahren: Er hat auch Unterhaltungswert! Aber auch innerhalb der Branche gibt es eine große Veränderung: Europa spielt heute im Produktionsalltag eine große Rolle - Koproduktionen, internationale Vertriebsnetzwerke, gemeinsames Lernen in den vielen europäischen Trainingsinitiativen sind aus der europäischen Filmindustrie nicht mehr wegzudenken. Einen wichtigen Anteil daran hat ganz sicher auch die European Film Academy und der Europäische Filmpreis, der jedes Jahr 1400 Gäste versammelt zu einem einzigartigen „Familienfest“ des Europäischen Kinos.

Zum ersten Mal wird die Auszeichnung nicht in einer europäischen Hauptstadt, sondern in einer angehenden Kulturhauptstadt Europas vergeben. Was bedeutet es für Sie, dass die Verleihung in der Region stattfindet, aus der Sie stammen?

Wenders: Helle Freude! Das zeigt ja vor allem auch, wie sehr sich „das Ruhrgebiet“ verändert hat, und welche gewaltigen Veränderungen hier vonstatten gegangen sind. Als ich als Gymnasiast in Oberhausen zur Schule ging, war die Schwerindustrie die treibende Kraft der Region. Beim Lesen eines Buches musste ich zwischen den Seiten den Kohlestaub wegpusten beim Umblättern.

Und wenn ich für die Oberhausener Kurzfilmtage jedes Jahr wieder die Schule geschwänzt habe, war dies ein so einzigartiges und geradezu exotisches Ereignis, und so alleinstehend im ganzen Ruhrgebiet, dass es damals sicher wie die nackte Utopie erschienen wäre, wenn jemand gesagt hätte: „In 40 Jahren ist die Region Europäische Kulturhauptstadt!“ Pures Science Fiction. Aber eine Wirklichkeit geworden, über die man sich echt freuen darf!

Wie viel bekommt man außerhalb der Region von der Ruhr.2010 mit?

Wenders: Immer mehr. Ich habe natürlich engere Beziehungen als viele andere. Zum Beispiel finden schon seit einiger Zeit alle meine Premieren in meinem Lieblingskino statt, und das ist die Lichtburg in Essen. Aber in der Kulturszene spricht man durchaus über Ruhr.2010. Und wir werden mit unserer Preisverleihung ganz bestimmt dazu beitragen, dass man noch mehr über die Region spricht, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Was wird das Kulturhauptstadt-Jahr Ihrer Meinung nach der Region bringen, was wird bleiben?

Wenders: Viel, da bin ich sicher, und nachhaltig. Das Kulturhauptstadtjahr hat schon mancher Stadt große Veränderungen gebracht. Lassen Sie mich nur ein Beispiel herausgreifen, weil es vielleicht mit dem Ruhrgebiet am besten vergleichbar ist: Glasgow war 1990 Kulturhauptstadt Europas und hat es geschafft, aus einer Stadt, die unter einer sterbenden Industrie zu leiden hatte, ein blühendes und lebendiges Kulturzentrum zu machen.

Wenn ich mir das Ruhrgebiet anschaue, mit all diesen einzigartigen Kulturstätten, die bereits aus den Industriebrachen entstanden sind, und wenn ich darüber hinaus in Buch zwei lese, was für 2010 geplant ist, dann kann ich nur sagen: Hier wird so manches entstehen, was das Ruhrgebiet kurz- und langfristig verändern wird!

 
 

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